Zusammenfassung einer Transkription
Kindlicher Glaube, kirchliche Prägung und das Ringen mit Dogmen
Xavier Naidoo, beschreibt in dem Interview mit KulturstudioTV vom Dezember 2020 seinen Glauben als etwas, das ihn seit frühester Kindheit begleitet und das er als innere Verpflichtung empfindet. Seine Musik versteht er als Ausdruck eines tiefen Ringens mit Gott, der katholischen Kirche und deren Dogmen. Besonders sein erstes Album sieht er als Versuch, die kirchliche Indoktrination aufzubrechen und die eigenen spirituellen Fragen offen auszutragen. Für ihn ist Soul-Musik nur authentisch, wenn sie aus der eigenen Seele kommt, und deshalb hat er nie gezögert, auch sehr persönliche Glaubensthemen öffentlich zu machen. Sein künstlerischer Ausdruck ist für ihn untrennbar mit seiner spirituellen Identität verbunden.
Gleichzeitig distanziert er sich klar von der Institution Kirche, obwohl er formal weiterhin Mitglied ist. Er begründet das damit, dass man nur von innen heraus gegen die Kirche kämpfen könne, auch wenn er selbst keinerlei aktive Rolle spielt. Er betont, dass er weiterhin Kirchensteuer zahlt und dass daraus noch Konflikte entstehen könnten, da er das Bedürfnis verspürt, der Kirche gegenüber „vorstellig“ zu werden. Seine Haltung wirkt ambivalent: einerseits Ablehnung der kirchlichen Strukturen und Dogmen, andererseits ein bewusstes Verbleiben im System, um es herauszufordern oder zu konfrontieren.
Distanz zur Institution Kirche – und warum er trotzdem bleibt
Der deutsche Musiker, dessen Lied „Vielleicht“ von der Band „Söhne Mannheims“, ursprünglich im Jahr 2004 auf dem Album Noiz veröffentlicht wurde, gibt in dem Interview mit Michael Grawe zu dass er Sündenvergebung damals schon so nicht annehmen konnte. Er beschreibt eine persönliche Glaubenskrise, in der er seit zwei Jahren intensiv über Jesus, die Dreifaltigkeit und die christliche Tradition nachdenkt. Obwohl er sagt, dass er „durch Jesus zu Gott gekommen“ sei, empfindet er Jesus nicht als Gott, sondern eher als vertrauten Begleiter. Beten zu Jesus war ihm nie möglich, und die Trinität erscheint ihm theologisch unhaltbar. Er betont, im Alten Testament keine echten Hinweise auf Jesus zu finden, auch nicht bei Jesaja, und stellt offen die Frage, ob die christliche Verehrung Jesu nicht eine Form von Götzenkult sei. Für ihn steht der absolute Monotheismus des Alten Testaments im Widerspruch zur Vorstellung von Vater, Sohn und Heiligem Geist als drei göttlichen Personen.
Im Gespräch mit dem Interviewer entsteht ein gemeinsamer Konsens, dass es nur einen Gott gibt und dass die Trinität ein späteres theologisches Konstrukt sei. Der Interviewer verweist auf Textvarianten im Neuen Testament, die trinitarische Formulierungen betreffen, während Naidoo die Septuaginta als Ort vermuteter Veränderungen nennt. Beide bewegen sich damit in einer argumentativen Linie, die die klassische christliche Dogmatik infrage stellt und stattdessen eine hierarchische oder strikt monotheistische Sichtweise betont. Naidoo positioniert sich dabei nicht antichristlich, sondern als jemand, der Christen weiterhin als Geschwister sieht, aber grundlegende theologische Fragen neu verhandelt wissen möchte.
Jesus als „Homie“ statt Gott – Naidoos Bruch mit der Trinität
Der deutsche Sänger, dessen Mutter Opfer der Apartheid in Südafrika war, beschreibt eine vollständige Abkehr vom Neuen Testament und begründet dies sowohl mit sprachlichen als auch mit historischen Überzeugungen. Für ihn ist der Name „Jesus“ bereits ein Hinweis auf eine spätere Verfremdung, und das traditionelle christliche Bild Jesu empfindet er als kulturell verzerrt. Stattdessen vertritt er die Überzeugung, dass die biblischen Judäer identisch seien mit den afroamerikanischen Nachfahren der Sklaven, die im 17. Jahrhundert nach Amerika verschleppt wurden. Diese Sichtweise verbindet er mit der Vorstellung, dass nur das Alte Testament authentisch sei und dass die Identität des biblischen Volkes Israel historisch falsch dargestellt wurde. Seine Ablehnung des Neuen Testaments ist damit nicht nur theologisch, sondern auch identitäts- und geschichtspolitisch motiviert.
Theologisch lehnt Naidoo die christliche Erlösungslehre entschieden ab. Für ihn braucht Gott keinen Mittler, keinen geopferten Sohn und keine zweite göttliche Person, um zu retten. Er betont, dass Gott im Alten Testament bereits allein errettet und dass die Vorstellung eines stellvertretenden Sühnetodes für ihn unvereinbar ist mit dem Wesen des einen Gottes. Damit stellt er die zentrale Botschaft des Neuen Testaments infrage und ersetzt sie durch einen radikalen Monotheismus, der jede Form von Vermittlung oder Inkarnation ablehnt. Seine Suche ist dabei stark persönlich geprägt: Er ringt nicht nur mit Texten, sondern mit der Frage, welche Rolle diese Vorstellungen für seine eigene Identität und Herkunft spielen.
Abkehr vom Neuen Testament und die Identitätsfrage um „Juda“
Auch Naidoos Vater, der aus Indien stammte und 1992 verstarb, erlebte die Diskriminierung des Apartheid-Systems am eigenen Leib. Für Naidoo ist diese Geschichte ein stilles Erbe, das seine Identität bis heute prägt. Indien hat eine christliche Minderheit, aber die Mehrheit der Bevölkerung gehört anderen Religionen an. Die christliche Prägung in Naidoos Familie kam über die Mutter, die aus Südafrika stammt und in einem katholischen Umfeld lebte. Dennoch lehnt Naidoo in dem Interview von 2020 die christliche Sündenvergebung durch den Kreuzestod Jesu entschieden ab. Für ihn ist die Vorstellung, dass jemand stellvertretend für seine Sünden sterben müsse, moralisch wie theologisch untragbar. Er betont, dass er seine Schuld selbst verantworten könne und keinen Mittler brauche. Diese Ablehnung verbindet er mit der Überzeugung, dass Gott allein errettet und keinen geopferten Sohn benötigt. Die katholische Eucharistie empfindet er als besonders problematisch, da sie für ihn ein Ritual darstellt, das er nicht mehr mit seinem Gottesbild vereinbaren kann. Obwohl er früher ein leidenschaftlicher Jesus-Anhänger war, sieht er Jesus heute nicht als göttliche Person, sondern als einen Menschen „wie wir“.
Gleichzeitig weist Naidoo jeden Versuch zurück, ihn durch apologetische Literatur oder klassische Bibelargumente vom Neuen Testament zu überzeugen. Für ihn ist das Neue Testament zunehmend ein „Skript“, das seiner Meinung nach von bestimmten Gruppen bewusst erfüllt oder nachgespielt wird. Diese Sichtweise führt ihn zu einer grundsätzlichen Distanzierung von der christlichen Erlösungslehre und der kirchlichen Tradition, während er dennoch festhält, dass Jesus für seine persönliche Gottesbeziehung einst eine wichtige Rolle spielte. Seine Position ist geprägt von einem radikalen Monotheismus, der jede Form von stellvertretender Sühne oder göttlicher Mehrpersonigkeit ablehnt.
Ablehnung des Sühnetodes – ein Gott, der keinen Mittler braucht
Obwohl Naidoo in dem Interview zunächst ein Schlüsselerlebnis mit der Bibel beschreibt, empfindet der heute die Offenbarung des Johannes und das Neue Testament zunehmend als unnötig oder sogar irreführend. Für ihn wirken die apokalyptischen Szenen wie Horrorszenarien, die er nicht mehr als geistliche Orientierung braucht. Stattdessen findet er seine „Offenbarungen“ heute im Alten Testament, besonders in Jesaja und im Lied des Mose. Er schildert, wie er über Jahre hinweg intensiv das Neue Testament studierte, bevor er entdeckte, dass die Eigenschaften Gottes, die er dort suchte – Errettung, Vergebung, Nähe – ebenso im Alten Testament zu finden seien. Diese Entdeckung war für ihn emotional überwältigend und markierte einen Wendepunkt, an dem sich seine theologische Perspektive grundlegend verschob.
Naidoo betont, dass seine Abwendung vom Neuen Testament keine Ablehnung des Glaubens sei, sondern eine persönliche Entwicklung. Er versteht seine Hinwendung zum Alten Testament als organischen Prozess, der aus biografischen Erfahrungen, spiritueller Suche und intensiver Bibellektüre entstanden ist. Während der Interviewer die Offenbarung als geistlich wertvoll beschreibt, sieht Naidoo darin eher ein Skript voller Furcht, das er nicht mehr benötigt. Seine heutige Orientierung ist geprägt von einem Gottesbild, das er im Alten Testament als vollständiger, unmittelbarer und authentischer erlebt. Dabei betont er ausdrücklich, kein „Antichrist“ zu sein, sondern jemand, der seinen Glauben neu ordnet und dabei zu anderen Schlussfolgerungen gelangt als die traditionelle christliche Lehre.
Die Offenbarung als „Horrorskript“ – und die Rückkehr zum Alten Testament
Nachdem er als junger Mann mit der Tradition der Kirche aufgewachsen ist, räumt er ein, dass er seine veränderte Sicht auf Jesus lange zurückgehalten hat, nun aber offen darüber sprechen möchte, auch wenn dies bedeutet, dass sich Christen von ihm abwenden könnten. Er warnt ausdrücklich vor dem „Jesus-Glauben“ und begründet dies damit, dass er Jesus im Alten Testament nicht findet. Jesus werde im Neuen Testament „an der Seite des Vaters“ beschrieben, aber von keinem Propheten in der Bibel als solcher beschrieben. Kein Prophet habe Jesus gesehen oder erwähnt, weshalb er die christliche Lesart des Alten Testaments ablehnt. Die Vorstellung eines Messias hält er ebenfalls nicht mehr für zutreffend. Seine Kritik richtet sich gegen die christliche Tradition, die Jesus als Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen versteht.
Besonders Jesaja 52,13–15 interpretiert Naidoo als Beleg dafür, dass der Gottesknecht nicht Jesus sein könne, da die Welt über dessen Identität erschrecken werde. Da Jesus im Christentum und sogar im Islam bekannt sei, könne diese Prophezeiung nicht auf ihn zutreffen. Auch die Offenbarung des Johannes deutet er so, dass der kommende Retter einen völlig unbekannten Namen tragen werde, was für ihn ausschließt, dass Jesus zurückkehrt. Insgesamt vertritt Naidoo eine theologische Position, die den traditionellen christlichen Messiasglauben verwirft und stattdessen einen strikten Monotheismus betont, in dem weder Jesus noch ein zukünftiger Messias eine Rolle spielen.
Endzeit, Pandemie und „inszenierte Krisen“ – Naidoos Blick auf die Gegenwart
Der Künstler, der im Mai 2020 durch ein Interview mit einer ehemaligen Fernsehmoderatorin in verschwörungsideologischen Kreisen zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt, betont, dass er selbst kein theologischer Experte sei, sondern ein „Gefühlsmensch“, der seine Überzeugungen aus innerer Wahrnehmung und persönlicher Erfahrung ableitet. Auf die Frage nach der Endzeit deutet er an, dass die gegenwärtigen globalen Krisen zwar in dieses Bild passen könnten, aber für ihn nicht Ausdruck göttlichen Handelns sind. Ereignisse wie die Corona-Pandemie sieht er nicht als Erfüllung biblischer Prophetie, sondern als menschengemachte Inszenierungen. Für ihn ist das, was viele als „Erwachen“ betrachten, lediglich ein kontrollierter Prozess, gesteuert von Kräften, die globale Ereignisse manipulieren. Auch populäre Bewegungen wie „Q“ betrachtet er als oberflächliche oder künstliche Formen des Erwachens.
Naidoo unterscheidet klar zwischen göttlichem Eingreifen und menschlicher Manipulation. Ein wirklich göttliches Ereignis würde nach seiner Vorstellung eine überwältigende, unmissverständliche Wirkung haben, die alle Menschen in Staunen versetzt. Die aktuellen Entwicklungen hält er dagegen für „Theater“ und „Pipifax“, die lediglich zeigen, dass es Gruppen gibt, die in der Lage sind, weltweite Prozesse zu steuern. Seine Sichtweise verbindet spirituelle Sensibilität mit einem tiefen Misstrauen gegenüber politischen und gesellschaftlichen Strukturen.
