Das größte Problem an der deutschen Kirche ist, dass sie sich an dem Vorbild von Rom orientiert. Dies fängt schon damit an, dass fast jede auch freikirchliche Vereinigung ihr eigenes „Glaubensbekenntnis“ hat, das jedoch untereinander abweicht. Obwohl der Epheserbrief deutlich betont, dass es „einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe“ gibt (Epheser 4,5), finden wir hierzulande vom Besprenkeln von Babies mit „Weihwasser“ bis zum Untertauchen in der Mülltonne alle Variationen. Der Römerbrief sagt deutlich: wer „mit dem Mund bekennt: Jesus ist der Herr, und im Herzen glaubt, dass Gott ihn vom Tod auferweckt hat“, der wird gerettet werden (Römer 10,9).
Ist denn das Evangelium oder die Nachfolge Jesu schwierig? Wie ist praktische die Nachfolge Jesu gemeint, wenn die Bibel uns erklärt „Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist.“ (1.Johannes 2,15). Und „wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht (…) sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lukas 14,26). Ich denke, dass viele Christen es sich in der Welt bequem gemacht haben und mit dem Mammon in einem Kompromiss leben, als wirklich radikal auf Gottes Versorgung angewiesen zu sein. Natürlich sollten wir arbeiten gehen, aber letztendlich gilt, „viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt!“ (Matthäus 22:14).
In meiner Beobachtung verlieren sich Christen an Nebenschauplätzen: an Daten, Begriffen, Titeln, Ritualen oder Identitätsmarkern, die uns das Gefühl geben sollen, „richtiger“ oder „reiner“ zu glauben. Wir diskutieren darüber, ob Weihnachten am falschen Tag liegt, ob Ostern heidnische Wurzeln hat, ob wir hebräische Namen benutzen müssen oder ob der Gottesdienst am Samstag oder Sonntag stattfinden sollte. Wir streiten über Ernährung, über geistliche Titel und über Formen, die uns vermeintlich näher an die Wahrheit bringen. Doch all das lenkt leicht davon ab, worum es Jesus wirklich geht: dass wir Frieden stiften (Mt 5,9), das Evangelium glaubwürdig leben (Joh 13,35) und in Liebe und Einheit handeln (Eph 4,3). Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir die „richtigen“ äußeren Marker setzen, sondern ob unser Leben Christus widerspiegelt – schlicht, dienend, verbindend. Titus sagt dazu: „von törichten Fragen aber, von Geschlechtsregistern, von Zank und Streit über das Gesetz halte dich fern; denn sie sind unnütz und nichtig“ (Titus 3,9).
Viele von uns spüren, dass in der deutschen Kirchenlandschaft etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist: wir posten fromme Sprüche auf den sozialen Medien, konsumieren Predigten aus Übersee und hoffen auf geistliche Highlights, statt selbst in Christus verwurzelt zu leben. Wir fragen uns, warum wir äußere Bestätigungen, Rituale oder Gefühle der Gottesnähe brauchen, wenn uns doch die Zusage seiner Annahme trägt (Joh 1,12). Reife bedeutet, nicht ständig gefüttert werden zu müssen, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen und Christus im Alltag zu dienen – unscheinbar, leise, treu. Das Wort für Wüste im Hebräischen heißt „midbar“ (מִדבָּר) und bedeutet soviel wie „leises Seuseln“, „Geräusch“, und wird gerne für den Ort der Begegnung mit Gott gebraucht. Die Wüste, der midbar, der Ort des leisen Gotteswortes, erinnert uns daran, dass echte Begegnung nicht im Lärm der christlichen Eventkultur entsteht, sondern in der schlichten Zweisamkeit mit Gott (1Kön 19,12). Wir sehnen uns nach Christen, die sich nicht mit Titeln schmücken, sondern Diener sind – bereit, heute Toiletten zu putzen, morgen Türen zu öffnen und übermorgen das Evangelium zu teilen.
Nicht jeder hat einen apostolischen Auftrag, der in die Nachfolge Jesu gerufen wird, aber es wenn wir den Epheserbrief genauer lesen und für die heutige Gemeinde beherzigen, sehen wir auch, dass sich dort eine Anweisung befindet, um den Leib Christi zu einer Einheit aufzubauen und zu stärken, „damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen“ (Epheser 4,14). Es gibt eine besondere Struktur, die der Apostel Paulus vorgibt, mit der eine Gemeinde optimal gedeihen und sich entwickeln kann. Dies ist der fünffältige Dienst.
Im Wortlaut heißt es in Sprüche 11,14: „wo es an Führung fehlt, kommt ein Volk zu Fall, doch kommt Rettung durch viele Ratgeber.“ Durch den Heiligen Geist und die Geistesgaben gibt es aber auch einige, denen der Geist die Fähigkeit gibt, „guten Rat zu erteilen, einem anderen verleiht er die Gabe besonderer Erkenntnis“ (1.Korinther 12,8). Dieses Prinzip zieht sich durch die ganze Schrift: Pläne scheitern ohne Rat, aber mit vielen Beratern gelingen sie (Spr 15,22). Und im tiefsten Sinn weist diese Weisheit auf Christus hin, den wahren wunderbaren Ratgeber (Jes 9,6), dessen Geist die Gemeinde nicht zu einer Bühne für Einzelne macht, sondern zu einem Leib, in dem viele Gaben gemeinsam zur Reife führen. Für uns heute heißt das: geistliche Mündigkeit entsteht dort, wo wir gemeinsam hören, gemeinsam prüfen und gemeinsam tragen – nicht dort, wo ein einzelner Mensch zum Zentrum wird.
Um jetzt noch mal näher auf den Sinn der Struktur der Gemeinde und dessen Führung einzugehen, schauen wir uns zunächst deren Ziele an. Wir haben uns oben bereits die Vorteile dieser Struktur angeschaut, die im Epheserbrief beschrieben worden sind: Schutz vor Unmündigkeit, Stabilität oder Festigkeit im Glauben, sowie Unterscheidungsvermögen. Aus den vorangestellten Aussagen des Briefes können wir außerdem festhalten, dass die Ziele der einzelnen Führungsrollen in der Gemeinde sind: 1.) Zurüstung zum Dienst 2.) Erbauung im Glauben 3.) Einheit des Glaubens 4.) Gotteserkenntnis 5.) Reife des Glaubens, oder wie Luther übersetzt „zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi“ zu gelangen. Die Elberfelder Übersetzung schreibt hier stattdessen „volle Mannesreife“, aber was für mich unter den deutschen Übersetzungen heraussticht, ist die Gute Nachricht Bibel, „dass wir alle die einende Kraft des einen Glaubens und der einen Erkenntnis des Sohnes Gottes an uns zur Wirkung kommen lassen und darin eins werden – dass wir alle zusammen den vollkommenen Menschen bilden, der Christus ist, und hineinwachsen in die ganze Fülle, die Christus in sich umfasst (Epheser 4,13).
Hier wird deutlich, dass die „Fülle Christi“ nur in dieser einenden Kraft des Glaubens erreicht werden kann und wir so als Christi Leib gemeinsam den Sohn Gottes erkennen, zur Wirkung kommen lassen und auch als diese Einheit zum vollkommenen Menschen, der Christus ist, hingelangen. Das griechische Wort für „gelangen“ katantaó sagt hier „ankommen, erreichen“, oder wörtlich, „begegnen“, man könnte also fast sagen, dass wir nur in dieser Einheit der Gläubigen Christus wirklich in seiner Fülle begegnen können. „Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.“ (Epheser 4,11). Wir sehen hier, dass mit den „Heiligen“ alle Christen gemeint sind, die Jesus “erwählt und aus der Welt herausgerufen“ hat (Johannes 15,19). Aus der Welt herausgerufen zu sein bedeutet aber auch, aus allen weltlichen Institutionen, die mit dieser Welt kooperieren, radikal auszusteigen, ihnen nicht mehr anzuhängen und auch keine Kompromisse mit ihnen zu machen. Über die Kirchenlandschaft dieser Welt ruft Jesus Christus uns aus dem Himmel zu „Geht hinaus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden,“ (Offenbarung 18,4). Der oberste Hirte, wie er im Vatikan als „Gottesstaat“ und als Vicar oder Stellvertreter Christi dargestellt wird, ist nicht in dieser Welt zu finden.
