Paulus zieht in 1. Korinther 14 eine bewusste Analogie zwischen der heidnischen Orakelauslegung und der christlichen Praxis von Zungenrede und deren Auslegung: Zungenrede ohne Auslegung bleibt unverständlich und kann als Zeichen des Gerichts für Unbeteiligte wirken (vgl. 1 Kor 14,21–22; Jes 28,11); deshalb fordert Paulus geordnete Gottesdienste, in denen Prophetie und Auslegung die Gemeinde erbauen (1 Kor 14,3–5; 14,26–40).
Paulus sieht die Gefahr, dass eine Gemeinde die spektakuläre, aber unverständliche Zungenrede zur Norm macht und damit die eigentliche prophetische Funktion – verständliche Verkündigung und Erbauung – verdrängt.
Er beruft sich ausdrücklich auf Jesaja 28,11–12, wo fremde, unverständliche Rede als Strafzeichen steht; daraus schließt Paulus, dass Zungenrede in der Versammlung kein primäres Mittel der Unterweisung ist, sondern ein Zeichen, das ohne Auslegung Verwirrung stiftet (1 Kor 14,21–22). Deshalb fordert er Ordnung: Wer in Zungen redet, soll auslegen oder schweigen; wer prophetisch redet, baut die Gemeinde auf, ermahnt und tröstet (1 Kor 14,27–33).
Klassische Kommentatoren wie John Calvin und Matthew Henry betonen die Notwendigkeit der Verständlichkeit im Gottesdienst: Gottesdienstliche Rede muss die Gemeinde erreichen; Gordon D. Fee hebt in modernerer Forschung hervor, dass Paulus die Funktion der Gaben nach dem Kriterium der Erbauung der Gemeinde bewertet und die Auslegung als notwendiges korrelatives Geschenk zur Zungenrede sieht. Kritiker charismatischer Überbetonung (z. B. John MacArthur) warnen davor, dass die Hervorhebung uninterpretierter Zungenrede die Gemeinde in Unordnung und Ungehorsam führen kann; andere Kommentatoren weisen zugleich darauf hin, dass Paulus persönliche Zungenrede im Gebet nicht verbietet, sondern ihre öffentliche Verwendung reglementiert (1 Kor 14,2.4.28).
Die religionswissenschaftliche Parallele zur Orakelauslegung macht Paulus’ Argument anschaulich: In heidnischen Orakelsystemen gab es oft einen ekstatischen Sprecher und einen Interpreter; ohne den Interpreter blieb die Botschaft rätselhaft und kultisch gebunden. Paulus kehrt diese Struktur um: Die christliche Gemeinde braucht nicht nur ekstatische Zeichen, sondern verantwortliche Interpretation, damit das Wort Gottes als Wort an Menschen ankommt.
Deshalb sind die Gabe der Prophetie und die Gabe der Auslegung von Zungenrede im neutestamentlichen Verständnis in Gemeindeordnungen eingebunden und nicht bloße private Erlebnisse zu betrachten; sie sind Geistesgaben, die die ganze Gemeinde erbauen sollen (1 Kor 14,3.5.12.26). Wer diese Ordnung missachtet, missachtet die apostolische Autorität (1 Kor 14,37) und riskiert, dass Zeichen zu Irritationen werden statt zu Zeugnis und Erbauung.
