Die Evangelien und die neutestamentliche Theologie lesen bestimmte Wortlaute aus der griechischen Septuaginta (LXX) als messianische Erfüllungen. Die LXX liefert an den drei genannten Stellen Formulierungen, die das Neue Testament direkt auf Jesus bezieht: alle Engel werden ihn anbeten, ein Leib ist mir bereitet, die Heiden werden auf seinen Namen hoffen. Diese Wendungen passen präzise zur Verkündigung des Messias im Evangelium – zur Anbetung Christi, zu seiner Menschwerdung und zu seiner Sendung zu allen Völkern – und werden deshalb als prophetische Vorankündigungen verstanden.
Die Schriften der Septuaginta waren in der griechischsprachigen Welt und in der frühen Kirche weit verbreitet, weil sie die allgemein zugängliche Bibelübersetzung für Juden und Christen außerhalb Israels darstellten. Die ersten Christen zitierten daher überwiegend aus der LXX, und ihre Formulierungen prägten die Auslegung des Alten Testaments im Licht Jesu.
Vergleich
Deuteronomium 32,43 — Schlachter 2000: „Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk; denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und sich seiner Feinde rächen und sein Land versöhnen mit seinem Volk.“
LXX (griechischer Wortlaut): «χαίρετε ἔθνη μετʼ αὐτοῦ, καὶ προσκυνήσωσιν αὐτῷ πάντες οἱ ἄγγελοι τοῦ θεοῦ· χαίρετε ἔθνη μετὰ τοῦ λαοῦ αὐτοῦ, καὶ οἱ υἱοὶ τοῦ θεοῦ ἐνισχύσονται ἐν αὐτῷ· ὅτι ἐκδικήσει τὸ αἷμα τῶν υἱῶν αὐτοῦ…»
Deutsche Übersetzung des griechischen Textes: Freut euch, ihr Völker, mit ihm, und alle Engel Gottes werden ihm anbeten; freut euch, ihr Völker mit seinem Volk, und die Söhne Gottes werden sich an ihm stärken; denn er wird das Blut seiner Söhne rächen…
Anmerkung: Die LXX Formulierung enthält zusätzlich die Wendung über die Engel, die in Hebräer 1,6 zitiert wird.
Psalm 40,6 (in Schlachter als Vers 6/7): Schlachter 2000 Psalm 40,6: „Opfer und Gabe gefallen dir nicht; die Ohren hast du mir aufgetan; Brandopfer und Sündopfer hast du nicht verlangt.“
LXX (griechischer Wortlaut): «θυσίαν καὶ προσφορὰν οὐκ ἠθέλησας· σῶμα δὲ κατηρτίσω μοι· ὁλοκαύτωμα καὶ περὶ ἁμαρτίας οὐκ ᾔτησας.»
Deutsche Übersetzung des griechischen Textes: Opfer und Gabe wolltest du nicht; einen Leib aber hast du mir bereitet; Brandopfer und Sündopfer hast du nicht gefordert.
Anmerkung: Die LXX liest hier σῶμα/Leib statt „Ohren“ (hebr.), weshalb der Verfasser des Hebräerbriefs (Hebr 10,5) die LXX Lesart als messianische Erfüllung anführt.
Jesaja 42,4 — Schlachter 2000: „Er wird nicht ermatten und nicht zusammenbrechen, bis er auf Erden das Recht gegründet hat; und die Inseln werden auf seine Lehre warten.“
LXX (griechischer Wortlaut): «ἀναλάμψει καὶ οὐ θραυσθήσεται ἕως ἂν θῇ ἐπὶ τῆς γῆς κρίσιν· καὶ ἐπὶ τῷ ὀνόματι αὐτοῦ ἔθνη ἐλπιοῦσιν.»
Deutsche Übersetzung des griechischen Textes: Er wird aufleuchten und nicht zerbrechen, bis er Gericht auf der Erde gesetzt hat; und die Völker werden auf seinen Namen hoffen.
Anmerkung: Die LXX Formulierung „Völker werden auf seinen Namen hoffen“ entspricht der Lesart, die im NT (z. B. Matthäus 12,21 / Bezug auf Jesaja) als auf Christus hinweisend verstanden wird.
Faktencheck in der Zitierpraxis des neuen Testamtens
Karl‑Heinz Vanheiden ist ein evangelikaler Bibellehrer aus dem Umfeld der Brüderbewegung, der viele Jahre als Dozent an der Bibelschule Burgstädt tätig war und später den Bibelbund‑Verlag leitete. Seit den 1990er‑Jahren tritt er als Autor, Apologet und Übersetzer hervor; besonders bekannt wurde er durch die von ihm allein erarbeitete NeÜ bibel.heute sowie durch seine Veröffentlichungen auf der von ihm betriebenen Webseite derbibelvertrauen.de. Seine Arbeit ist geprägt von einem konservativ‑evangelikalen Schriftverständnis und dem Anliegen, die Zuverlässigkeit der Bibel zu verteidigen.
Vor diesem Hintergrund formuliert er auch seine Einschätzung zur Zitierpraxis des Neuen Testaments gegenüber der Septuaginta. Die von ihm vertretene These, Matthäus und der Hebräerbrief zitierten „oft“ näher am hebräischen Wortlaut als an der LXX, lässt sich jedoch textgeschichtlich nicht halten. Gerade der Hebräerbrief folgt an zentralen Stellen eindeutig der LXX, und auch Matthäus greift überwiegend auf die griechische Übersetzung zurück. Eine sachliche Analyse der neutestamentlichen Zitate zeigt daher ein deutlich differenzierteres Bild, als Vanheiden in seiner Darstellung nahelegt.
Auf dem Online-Blog seiner Webseite schreibt er nämlich wortwörtlich:
Auffällig ist allerdings, dass das Matthäusevangelium und der Hebräerbrief, die das Alte Testament besonders häufig zitieren, dies oft (aber nicht immer) in einer Form tun, die enger am hebräischen Wortlaut ist, als die Septuaginta.
Die Septuaginta und das NT, 09. September 2014 auf derbibelvertrauen.de
Das ist verständlich, denn ihre ursprünglichen Leser hatte ja Zugang zum hebräischen Alten Testament.
Die Aussage ist so pauschal nicht haltbar. Das Matthäusevangelium zeigt sowohl Zitate, die eng an der LXX stehen, als auch Stellen, die auf eine semitische (hebräische/aramäische) Vorlage oder freie Paraphrase zurückgehen; der Hebräerbrief zitiert dagegen überwiegend die LXX und nutzt deren Wortlaut oft genau dort, wo der masoretische Text anders lautet.
Begründung mit Beispielen: Hebräer folgt häufig der LXX. Zwei klassische Fälle: Hebr 1,6 zitiert Deut 32,43 in der Fassung der LXX mit der Wendung „alle Engel werden ihn anbeten“, die im masoretischen Text fehlt; Hebräer übernimmt genau diese LXX‑Formulierung, um die Anbetungswürdigkeit des Sohnes zu betonen. Ebenso bezieht sich Hebr 10,5 auf Psalm 40,6 in der LXX‑Lesart „einen Leib hast du mir bereitet“, während die masoretische Lesart eher von „Ohren“ spricht; auch hier folgt der Autor der griechischen Übersetzung, weil sie christologisch anschlussfähiger ist. Diese Beispiele belegen, dass der Hebräerbrief oft gerade nicht näher am MT, sondern an der LXX liegt.
Matthäus ist gemischter. Viele seiner Erfüllungszitate entsprechen der LXX‑Formulierung (z. B. Mt 1,23 zu Jes 7,14 mit dem griechischen parthenos „Jungfrau“), andere Zitate oder Paraphrasen zeigen aber Merkmale einer semitischen Vorlage oder einer freien Umformung, die dem hebräischen Sinn näherstehen. Beispiele für semitisch geprägte Zitate sind weniger eindeutig als bei Hebräer, doch Forschungsliteratur weist darauf hin, dass manche „Erfüllungsformeln“ in Matthäus auf aramäisch/hebräische Traditionsstränge oder auf eine christliche Auslegungstradition zurückgehen, die nicht wortgetreu aus der LXX übernommen wurde. Insgesamt bleibt Matthäus überwiegend LXX‑orientiert, aber mit gezielten Abweichungen, die auf semitische Vorlagen, liturgische Formeln oder redaktionelle Absichten zurückgeführt werden können.
Schlussfolgerung
Die Behauptung, Matthäus und Hebräer würden häufiger in einer Form zitieren, die enger am hebräischen Wortlaut liegt, ist irreführend. Hebräer nutzt die LXX oft bewusst; Matthäus verwendet die LXX als Hauptquelle, zeigt aber an ausgewählten Stellen semitische Einflüsse oder freie Umformulierungen. Die Unterschiede lassen sich historisch erklären: die LXX war die verbreitete griechische Bibel der Urkirche, NT‑Autoren hatten aber zugleich Zugang zu semitischen Überlieferungen, liturgischen Zitaten und theologischen Traditionsbüchern, weshalb die Zitierpraxis variabel ist.
