Gesetz oder Gnade

Ein Beispiel für die enge Verbindung von religiöser Praxis und dem Zugang zu wirtschaftlichem Handeln im ersten Jahrhundert n. Chr. ist der römische Kaiserkult in Städten wie Ephesus in der heutigen Türkei. Dort konnte die Teilnahme am Einkauf und Verkauf im städtischen Markt davon abhängen, ob man an der Eingangspforte ein Räucheropfer für den Kaiser darbrachte. Wen dies als neugeborener Christ in den Konflikt mit seinem Glauben brachte und er diese Praxis somit verweigerte, riskierte er damit nicht nur den Ausschluss aus dem öffentlichen Leben, sondern auch eine wirtschaftliche Not.

Die so geschaffene Einheit von religiösem Kult und der Teilhabe am öffentlichen Leben zeigt, wie Loyalität mit einem System der Anbetung ein Hebel für gesellschaftlichen Status und Erfolg war.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Galaterbrief in der Bibel den Glauben an Jesus den Formeln der damaligen Anbetung gegenüberstellt, die durch das mosaische Gesetz geregelt waren. Paulus beschreibt in Galater 4,3 den Zustand des Gottesvolkes vor der Offenbarung Christi mit den Worten: „So waren auch wir, als wir Unmündige waren, unter die Elemente der Welt versklavt.“ Ein Bibelkommentator, John Gill, erklärt diesen Satz, indem er die „Elemente der Welt“ nicht als Naturkräfte oder Himmelskörper versteht, sondern als die grundlegenden, äußeren Vorschriften des mosaischen Gesetzes. Diese Gebote (Speisevorschriften, Waschungen, Festzeiten und rituelle Pflichten) waren für Israel wie ein Alphabet oder eine Schulgrammatik – grundlegende Anfangslektionen, die zwar Ordnung vermittelten, aber keine geistliche Reife hervorbrachten. Sie waren „irdisch“ in dem Sinn, dass sie sich auf äußere Handlungen und materielle Dinge bezogen und nicht auf die innere und geistliche Erneuerung des Menschen. Solange Israel unter diesen „Elementen“ stand, befand es sich in einer Art religiöser Kindheit: beaufsichtigt, begrenzt und durch die Strafandrohungen des Gesetzes in einer Haltung der Furcht gehalten.

Das Halten dieser Gebote, die Bindung an religiöse Vorschriften durch eine verordnete Praxis der Anbetung, hatte nicht nur bei den Römern, sondern auch bei den Juden reale soziale und wirtschaftliche Bedeutung. Wenn Paulus im Galaterbrief (4,12) in diesem Zusammenhang von „Freiheit“ durch den Glauben an Jesus spricht, dann meint er nicht nur eine innere geistliche Freiheit, sondern auch eine Befreiung aus Systemen, die Menschen in wirtschaftliche Abhängigkeit brachten und einen sozialen Status sicherstellten.

Ähnlich entfaltet Paulus außerdem seine Gegenüberstellung von dem „Jerusalem unten“ und dem „Jerusalem oben“ (Gal 4,25–26). In der jüdischen Tradition ist Jerusalem weit mehr als ein geografischer Ort. Studien zur jüdischen Stadtmetaphorik zeigen, dass Jerusalem seit der Antike als Schnittpunkt zwischen Himmel und Erde verstanden wurde. Das irdische Jerusalem ist der Ort der Geschichte, der Tempelzerstörung, der politischen Konflikte; das himmlische Jerusalem dagegen ist der Ort der Vollendung, der göttlichen Gegenwart und der zukünftigen Erlösung. Diese vertikale Struktur – unten das Unvollkommene, oben das Vollkommene – bildet ein wiederkehrendes Muster jüdischer Symbolsprache. Der Zohar und andere jüdische Traditionen sprechen somit von einem „himmlischen Jerusalem“ als geistigem Gegenbild zur irdischen Stadt.

Paulus übernimmt diese Vorstellung von einem Ort der himmlischer Ordnung und Freiheit, deutet sie jedoch auf Christus: das himmlische Jerusalem steht für die Gemeinschaft der Gläubigen an Jesus, die durch Gottes Zusage und nicht durch Gesetzeswerke definiert ist. Er drückt dies folgender Maßen aus: „Das Jerusalem (…), das im Himmel bereitsteht, ist frei. Das ist unsere Mutter!“ (Gal 4,26). Die Galater, damals eine christliche Gemeinde hellenistisch geprägter Heiden, sollten erkennen, dass ihre Identität nicht von der Zugehörigkeit zu einem irdischen, gesetzlich strukturierten System bestimmt wird, sondern auf der Verheißung Gottes beruht. Diese Gemeinde lebte in einem Umfeld, in dem römische Herrschaft, lokale Kulte und jüdische Diasporagemeinden nebeneinander existierten. Die römischen Provinz Galatien stand außerdem unter dem Einfluss reisender (später als „Judaisierer“ bekannt geworderner) Lehrer, die verlangten, dass sich Nichtjuden dem jüdischen Gesetz unterordnen sollten. Mit der Aussage „wir sind nicht Kinder der Sklavin, sondern der Freien!“ (Gal 4,31) wird jedoch die Zugehörigkeit dieser jungen christlichen Gemeinden auf Christus angewendet, die ihnen eine neue Identität gab und die zu Erben einer Verheißung machte, die nicht durch menschliche Anstrengung erlangt werden kann.

Wenn der Galaterbrief zwischen den „Kindern der Sklavin“ und den „Kindern der Freien“ unterscheidet (Gal 4,21–31), dann geht es dort nicht bloß um biologische Abstammung, sondern um zwei grundsätzlich verschiedene Wege, wie Menschen versuchen, vor Gott zu stehen. Folgende Aussage der Schrift wird dort auf eine sehr interessante Weise ausgelegt: „Jage die Sklavin und ihren Sohn fort; denn der Sohn der Sklavin darf nicht mit dem Sohn der Freien zusammen erben“ (Gen 21,10). Für Paulus ist das weit mehr als ein Familiendrama. Er liest diese Szene als ein geistliches Prinzip: Hagar steht für das Gesetz, Sarah für die Verheißung. Das „Fortjagen“ bedeutet deshalb nicht Willkür, sondern das konsequente Verwerfen eines Systems, das auf menschlicher Leistung beruht.

Die Gemeinde in Galatien hatte Paulus ursprünglich einst so sehr geliebt, dass sie ihm, wäre es möglich gewesen, sogar ihre eigenen Augen gegeben hätte (Gal 4,15). Dieses drastische Bild ist ein Ausdruck der tiefen Dankbarkeit, mit der die Galater die Botschaft der freien Gnade vom Glauben an Jesus Christus aufgenommen hatten. Doch nun, da sie sich wieder den „schwachen und armseligen Elementen“ des Gesetzes zuwandten, war diese Freude verblasst – für den Apostel eine geistliche Tragödie: die Galater hatten durch Christus bereits die Reife der Sohnschaft empfangen, doch indem sie sich wieder auf Gesetzeswerke stützen, fielen sie in eine „zweite Kindheit“ zurück.

Das Gesetz kann ordnen, aber nicht erneuern; es kann fordern, aber nicht schenken. Es ist wie ein strenger Lehrer, der das Kind beaufsichtigt, aber ihm nicht die Freiheit eines erwachsenen Sohnes geben kann. Mit diesen „Elementen“ στοιχεῖον (griechisch. „stoicheion“) ist an dieser Stelle eine Art religiöses ABC gemeint, das Israel in seiner geistlichen Kindheit anleitete. Der Kommentator Jamieson-Fausset-Brown betont, dass diese Elemente „schwach“ sind, weil sie nicht rechtfertigen können, und „arm“, weil sie kein Erbe schenken. Paulus ruft ihnen deshalb ihre frühere Hingabe in Erinnerung, um ihnen vor Augen zu führen, wie sehr sie sich mit ihrer Rückkehr zum Halten von Geboten von der befreienden Botschaft entfernt hatten.

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