Christuskind oder Engel des Lichts?

Von Luther bis Odin

Martin Luther wollte die Aufmerksamkeit vom „Heiligen Nikolaus“ auf die Geburt Jesu lenken und damit die christliche Botschaft der Menschwerdung in den Mittelpunkt rücken. Doch die reformatorische Absicht, das Geschenk der Gnade durch Christus zu betonen, führte paradoxerweise zur Herausbildung einer neuen, populären Figur: dem „Christkind“.

Die evangelische Kirche zitiert Luthers Worte wie folgt: „Gleichwie man die kindlin gewenet, das sie fasten und beten und jr kleiderlin des nachtes ausbreiten, das jn das Christkindlin odder Sanct Nicolas bescheren sol.“ In modernem Deutsch: „So wie man die Kinder daran gewöhnt, dass sie fasten und beten und abends ihre kleinen Kleidungsstücke (Schuhe) hinausstellen, damit das Christkindlein oder der Heilige Nikolaus sie beschenkt“. Die Tradition, am Vorabend Geschenke in Schuhe oder Strümpfe zu legen, verbindet mehrere historische Stränge: die Legende des „heiligen Nikolaus“, der heimlich Gold in die zum Trocknen aufgehängten Strümpfe einer armen Familie warf, und ältere Winterbräuche wie die nordische Yule Sitte um Odin, bei der Kinder Futter für das Reittier hinterließen und im Gegenzug Gaben erhielten.

Im Lauf der Jahrhunderte verschmolzen diese Motive zu einer volkstümlichen Praxis, die in verschiedenen Regionen Europas unterschiedlich ausgeprägt ist — in Deutschland und den Niederlanden etwa das Hinausstellen von Kleidungsstücken. Die Schenktradition des Nikolaus geht auf den historischen Bischof Nikolaus von Myra zurück, dessen Leben im 3.–4. Jahrhundert in Legenden als Beispiel geheimer Wohltätigkeit erzählt wird; daraus entwickelte sich im Mittelalter der Brauch, am 6. Dezember Kindern kleine Gaben in die Stiefel oder Socken zu legen, als Erinnerung an seine Mildtätigkeit und als Erziehung zur Nächstenliebe.

Reichskirche: die Machtverlagerung von Rom nach Byzanz

Die Gestalt des heiligen Nikolaus – Bischof von Myra, Wundertäter, Beschützer der Armen und späterer Gabenbringer – ist kein isoliertes Phänomen der Volksfrömmigkeit. Seine Bedeutung und sein späterer Kult sind eng mit einer tiefgreifenden politischen und kirchlichen Transformation verbunden: der Verschiebung des Machtzentrums des Römischen Reiches von Rom nach Kleinasien, dem Gebiet der heutigen Türkei.

Bereits im 3. Jahrhundert verlor Rom seine Rolle als politisches und militärisches Zentrum. Die Kaiser residierten zunehmend dort, wo die strategischen Brennpunkte lagen – und diese befanden sich im Osten: in Nikomedia, Antiochia, später in Konstantinopel. Kleinasien war wirtschaftlich stark, urbanisiert und kulturell lebendig. Hier lagen die ältesten und dichtesten christlichen Gemeinden, die Paulus und die Apostel gegründet hatten. Städte wie Ephesus, Smyrna, Antiochia und Myra waren nicht nur Handelszentren, sondern auch frühe Bischofssitze.

Als Konstantin 330 n. Chr. Konstantinopel (das heutige Istanbul) gründete, wurde der Osten endgültig zum politischen und kirchlichen Machtzentrum nach Rom. Die großen kirchlichen Konzilien – Nicäa (325), Konstantinopel (381), Ephesus (431), Chalcedon (451) – fanden alle in der heutigen Türkei statt. In dieser Welt wuchs die Bedeutung der Bischöfe, und dort entstand auch die Figur des Nikolaus von Myra. Die Machtverschiebung nach Kleinasien machte Myra zu einem wichtigen Bischofssitz. Die starke kirchliche Organisation im Osten sorgte dafür, dass die Geschichten über Nikolaus früh verbreitet und schriftlich fixiert wurden.

Als seine Reliquien im 11. Jahrhundert nach Bari (Italien) gelangten, erreichte sein Kult den Westen – und verband sich dort mit lokalen Bräuchen wie dem Beschenken von Kindern. So wurde aus dem spätantiken Bischof ein europäischer Volksheiliger – und später die Figur, die wir als Nikolaus, Santa Claus oder Sinterklaas kennen.

Der Ursprung des „heiligen Nikolaus“ als nächtlicher Wohltäter war der Bischof von Myra als idealer Vertreter der neuen römisch byzantinischen Reichskirche: ein sozialer Patron, der Armen half, Recht sprach und seine Stadt schützte. Diese Rolle entsprach dem Bild eines regionalen Herrschaftsträgers, der durch staatlich geordnete Weiheversprechen und das nicänische Glaubensbekenntnis in die Verwaltungsstruktur des Reiches eingebunden war. Als der Nikolauskult sich über das Mittelmeer und später über die Alpen nach Nordeuropa ausbreitete, traf er dort außerdem noch auf ältere winterliche Bräuche, die tief im germanischen Jahreskreis verwurzelt waren.

Vermischung des Nikolauskult mit der nordigermanischem Brauch

In den nordischen Regionen existierte zur Zeit des Yule Festes ein populärer Volksglaube um Odin, der in den Rauhnächten auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir durch die Lüfte ritt. Kinder stellten Futter – Heu, Getreide oder Karotten – für Sleipnir bereit und erwarteten im Gegenzug kleine Gaben oder Glückszeichen. Dieses Motiv des gegenseitigen Gabentauschs zwischen Kindern und einer übernatürlichen Gestalt war fest im Jahreszeitenkult verankert. Als der christliche Nikolauskult im Mittelalter in diese Regionen gelangte, verschmolzen beide Traditionen: Die Vorstellung eines nächtlichen Reiters, der belohnt oder beschenkt, wurde mit dem Bild des christlichen Bischofs verbunden, der heimlich Wohltaten vollbringt – insbesondere der berühmten Legende, in der Nikolaus Goldbeutel in die zum Trocknen aufgehängten Strümpfe einer armen Familie wirft.

So entstand die bis heute verbreitete Praxis, am Vorabend des Nikolaustages Schuhe oder Strümpfe hinauszustellen. Sie ist das Ergebnis einer kulturellen Synthese: der spätantiken Vorstellung des Bischofs als römisch byzantinischem Wohltäter und Patron einerseits und der nordgermanischen Yule Sitte um Odin andererseits, in der Kinder dem nächtlichen Reiter etwas darboten und dafür Gaben erhielten. In dieser Verschmelzung zeigt sich, wie christliche Heiligenverehrung und lokale vorchristliche Bräuche sich gegenseitig durchdrangen und neue Formen religiöser Volkskultur hervorbrachten.

Legenden um den Nikolaus

Die Vita per Michaëlem schildert den heiligen Nikolaus als von Geburt an außergewöhnlich frommen Menschen, dessen Lebensweg von Askese, Reinheit und tiefer Gottesfurcht geprägt ist. Schon als Säugling soll er an Fastentagen nur einmal gestillt worden sein, was als frühes Zeichen seiner späteren Heiligkeit gedeutet wird. Der Text beschreibt seine Herkunft aus einer wohlhabenden, christlichen Familie in Patara (in Lykien, einer antiken Region im Südwesten Kleinasiens, an der Mittelmeerküste des heutigen Türkei, Provinz Antalya/Muğla) und betont seine bewusste Abkehr von weltlichen Vergnügungen, seine Liebe zur Kirche und seine Hingabe an ein Leben der Tugend. Früh zeigt sich seine besondere Berufung: Er widmet sich dem Gebet, der Nächstenliebe und der geistlichen Bildung, bis er schließlich – durch göttliche Offenbarung – zum Bischof von Myra bestimmt wird.

Zentral ist die berühmte Erzählung von den drei verarmten Töchtern: Nikolaus erfährt von einem Vater, der seine Töchter aus Not der Prostitution überlassen will, und wirft ihm nachts heimlich Goldbeutel durchs Fenster, um ihnen eine ehrbare Heirat zu ermöglichen. Diese Episode begründet die Tradition des anonymen Schenkens, die später in Europa zu Nikolaus  und Weihnachtsbräuchen wie dem Befüllen von Schuhen oder Strümpfen führte. Doch schon vor Luther gab es Bewegungen, die die übersteigerte Verehrung von Heiligen und Reliquien kritisierten und stattdessen Schrift und Evangelium in den Mittelpunkt stellten. Luther selbst lehnte die Heiligenverehrung theologisch ab und wollte den Nikolaus Kult bewusst zurückdrängen

So ist auch der „Sinterklaas“ die niederländische Bezeichnung für eine volkstümliche, an den historischen Nikolaus von Myra angelehnte Gestalt. Viele dieser Traditionen gehen zurück auf den heiligen Nikolaus von Myra, dessen Sterbetag der 6. Dezember ist. Ursprünglich wurde Sint-Nicolaas nur im Osten gefeiert. Im 13. Jahrhundert beschloss man, dass sein Namenstag auch im Westen zu einem wichtigen Festtag werden sollte. Die Tradition des Sinterklaasfestes gibt es in den Niederlanden seit dem 15. Jahrhundert. Die amerikanische Santa Claus Gestalt sind Ergebnis dieser langen, vielschichtigen Entwicklung.

Die protestantische Verlagerung der Bescherung auf Weihnachten

Martin Luther und die protestantische Praxis spielten jedoch eine zentrale Rolle bei der Verlagerung der Bescherung auf Weihnachten und bei der bewussten Hervorhebung des Christus Kindes als Geschenkbringer, nicht als katholische Heiligenverehrung, deren Wurzeln im Reliquienkult (der Verehrung oder Anbetung der Toten) ihre Wurzeln hat. Andererseits ist messianisch betrachtet ist das „Christkind“ heute, welches in vielen Regionen die Rolle des Geschenkebringers übernimmt – eine Erherbietung, die in der Bibel ausschließlich Gott selbst zukommt – besonders problematisch. Die Propheten sprechen davon, dass die Völker dem Messias Gaben bringen werden (Jes 60,6; Ps 72,10), nicht umgekehrt. Denn die biblische „Weihnachtsgeschichte“ erzählt, wie die Weisen aus dem Morgenland kamen, um dem neu geborenen König der Juden, der später gekreuzigt werden sollte, wertvolle Geschenke brachten.

In Deutschland findet sich dies als Tradition der „Heiligen Drei Könige“ wieder, die mit einem Schriftzug über dem Türrahmen das Haus segnen sollen: ebenfalls ein Biblisches Motiv des Auszugs aus Ägypten und der Befreiung aus der Sklaverei durch das Opferlamm, dessen Blut die Israeliten über die Türpfosten strichen, was als ein Zeichen für die Todesengel Gottes dienen sollte, damit sie vorbeiziehen „passieren“ (auch hier werden das biblische „Passah“ mit der heidnischen Tradition von „Ostern“, der Anbetung der germanischen Frühlingsgöttin „Ostara“ vermischt).

Angesichts der Tatsache, dass heute Glühwein, Christstollen und festliche Märkte zu den zentralen Ritualen geworden sind, erinnert das an die kultischen Handlungen, die Jeremia als einer der größten Propheten in der Bibel anprangert. Er beschreibt, wie ganze Familien an ihrem Kult beteiligt waren: „Die Kinder sammeln Holz, die Männer machen Feuer, und die Frauen kneten Teig, um Kuchen für die Himmelskönigin zu backen“ (Jer 7,18). Die moderne Forschung bestätigt, dass diese „Himmelskönigin“ mit der babylonischen Ishtar bzw. der kanaanäischen Astarte identifiziert wird. Die Frauen backten kultische Kuchen (kawwanim), ein Ritual, das laut einer Studie von Claire Carroll („Baking for the Queen of Heaven“) ein typisches Element mesopotamischer Göttinnenverehrung war. Jeremia berichtet weiter, dass die Verehrerinnen der Himmelskönigin Gelübde ablegten, die sie ausdrücklich erfüllen wollten: „Wir wollen unsere Gelübde halten … der Himmelskönigin räuchern und ihr Trankopfer ausgießen“ (Jer 44,17.25). Die Frauen betonen sogar, dass ihre Männer diese Praxis unterstützten (Jer 44,19). Historische Studien verbinden diese Praktiken mit den Opferformen der Ishtar/Astarte Kulte: Räucherwerk, Trankopfer aus Wein oder Bier und kultische Kuchen als Gaben (Patai, 1967; Carroll, 2021).

Auszug aus einem katholischen Gebet an die Himmelskönigin:

Heil dir, Königin des Himmels, Stern des Meeres, Führerin der Wanderer hier unten, auf den Wellen des Lebens hin und her geworfen, bitten wir um deine Fürsorge, rette uns vor Gefahr und Leid. Mutter Christi, Stern des Meeres, bete für die Wanderer, bete für mich.

Quelle: https://www.catholicforlife.com

Das Evangelium und die Anbetung von Engeln

So entstand, anstatt das Evangelium von Jesus in den Mittelpunkt der Weihnachtsmärkte zu rücken, eine engelsgleiche oder gar königliche Gestalt — ein blondes, androgynes „Kind“ (Charakteristiken, die auch an den gefallenen Engel „Luzifer“ erinnern) mit Flügeln, weiß goldenem Kleid und Glöckchen — das sich besonders auf Weihnachtsmärkten und in Repräsentationsritualen wie dem Nürnberger Christkindspiel als kulturelles Symbol etabliert hat. Diese Figur, meist durch eine junge Frau mit langem und gelocktem, blonden Haar dargestellt, erfüllt heute unbewusst, da die meisten keine Kenntnis der historischen Ursprünge dieser Kulte haben, folkloristische Funktionen, anstatt das Evangelium der Bibel zu verkündigen.

Außerdem ist aus theologischer Perspektive ist die Popularisierung von Engelsbildern an sich problematisch, weil sie leicht in Formen der Überhöhung oder Verklärung abgleiten kann, vor denen der Apostel Paulus ausdrücklich warnt (Kolosser 2,18). Paulus richtet seine Mahnung gegen eine Praxis, die Engel zu Mittlern oder Gegenständen übermäßiger Verehrung macht und damit Christus als Zentrum der Gemeinde unterminiert. Die ikonographische Verwandlung des Geschenkebringers in eine engelsgleiche Lichtgestalt berührt genau diese Spannung: Es geht nicht darum, dass Engel in der Schrift vorkommen oder dass man sich mit ihrer Rolle auseinandersetzt, sondern darum, ob populäre Darstellungen und Rituale Engel zu einer Art von Götzen erheben.

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