In diesem Artikel gehe ich darauf ein, wie der Talmud als eine Religion der Textauslegung verstanden werden kann, die sich ursprünglich derselben Schriften wie das Christentum bediente. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich jedoch aus der Praxis der Targumim nach dem babylonischen Exil einerseits eine monotheistische Religion, andererseits begegnen wir in der modernen Weltpolitik jüdisch-rabbinischen Bewegungen, die offensichtlich mystisch-messianisch auftreten und aktiv in politische Gesetzgebung (besonders in den USA) eingreifen.
Ihrem religiösen Schriftverständnis nach, das nicht mehr ausschließlich auf dem sogenannten Tanakh oder der Tora als den fünf Büchern Mose, sondern auch auf den zusätzlichen Auslegungen des Talmud und der Kabbala beruht, wird ein zukünftiger Messias erwartet, der sogar einen dritten Tempel in der heutigen Stadt Jerusalem errichten wird.
Ausblick auf den Artikel
Im weiteren Verlauf des Artikels untersuche ich die Rede der Politikerin Ursula von der Leyen über das jüdische Volk als „Licht für die Völker“ als Adaption einer Schriftstelle aus dem Propheten Jesaja. Dazu vergleiche ich die jüdische und christliche Auslegung von der Betreffenden (aus christlicher Sicht) messianischen Aussage in Jesaja anhand der Septuaginta-Forschung und gehe auf die unterschiedlichen Deutungen des Gottesknechts ein.
Außerdem werfen wir einen Blick auf die öffentliche Wahrnehmung des Talmud im Zusammenhang mit den Medienberichten (2005-2025) über Jeffrey Epstein, die politischen Kontakte der Chabad-Lubawitsch-Bewegung bis in das Weiße Haus sowie die Rolle des Education and Sharing Day und der noachidischen Gesetze.
Ziel des Beitrags ist es, die theologischen, historischen und politischen Zusammenhänge dieser Themen darzustellen und aus einer christlichen Perspektive kritisch einzuordnen.
Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, griff am 14. Juni 2022 während einer Rede an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be’er Scheva, Israel, die biblische Vorstellung auf, dass das jüdische Volk ein „Licht für die Nationen“ sei.

In ihrer Ansprache erklärte sie, das jüdische Volk sei über Jahrhunderte hinweg „ein Licht für die Völker“ gewesen und werde auch künftig ein Licht für Europa sein. Die Rede erfolgte anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an von der Leyen durch die Universität und betonte die historischen Beziehungen zwischen Europa, dem jüdischen Volk und dem Staat Israel.
Im Laufe der Jahrhunderte war das jüdische Volk „ein Licht für die Völker“. Und es wird auch in den kommenden Jahrhunderten ein Licht für Europa sein.
Quelle: Europäische Kommission, SPEECH/22/3685.
Diese Formulierung erinnert mich als Christ allerdings an den Propheten Jesaja, wo Gott seinen Knecht dazu bestimmt, „ein Licht der Nationen“ zu sein.
Das „Licht für die Völker“ aus messianischer Perspektive
Der baptistische Bibelkommentator John Gill (1697 – 1771) versteht die Aussage „ein Licht der Nationen“ nicht auf Israel oder das jüdische Volk, sondern in erster Linie als einen Hinweis auf den Messias, also auf Jesus Christus. Nach Gill bedeutet das Licht die Offenbarung göttlicher Wahrheit für Menschen, die sich geistlich in Finsternis befinden.
Und ich will dich behüten und dich zum Bund für das Volk setzen, zum Licht für die Heiden; dass du die Augen der Blinden öffnest, die Gebundenen aus dem Gefängnis führst und aus dem Kerker die, welche in der Finsternis sitzen.
Jesaja 42,6-7
Was sagt die Septuaginta über das „Licht der Nationen“ in Jesaja 42
Aus der Sicht der Septuaginta-Forschung besitzt Jesaja 42,6-7 eine besondere Bedeutung, da die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta (LXX), den Gedanken eines „Lichts für die Nationen“ deutlich hervorhebt.
Da ich nun Beistand von Gott erlangte, stehe ich bis zu diesem Tag und bezeuge Klein und Groß – indem ich nichts sage außer dem, was auch die Propheten und Mose geredet haben, dass es geschehen werde –, dass der Christus leiden sollte, dass er als Erster durch Totenauferstehung Licht verkündigen sollte, sowohl dem Volk als auch den Nationen.
Apostelgeschichte 26,22-23
Die Aussage, den Blinden die Augen zu öffnen und die Gefangenen aus dem Kerker zu führen, wurde im Licht der Evangelien vielfach auf das Wirken Jesu Christi bezogen, der Blinde heilte, Gebundene befreite und Menschen aus geistlicher Finsternis ins Licht Gottes rief.
Denn so hat uns der Herr geboten: »Ich habe dich zum Licht für die Heiden gesetzt, damit du zum Heil seist bis an das Ende der Erde!« Als die Heiden das hörten, wurden sie froh und priesen das Wort des Herrn, und es wurden alle die gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren.
Apostelgeschichte 13,47-48
Viele Ausleger der Septuaginta sehen in Jesaja 42,6-7 einen universalen Horizont, der weit über beschränkende Deutung auf Israel als Bundesvolk hinaus geht. Die traditionelle jüdische Auslegung versteht den Knecht Gottes als das Volk Israel selbst, das unter den Nationen Zeugnis von Gott ablegen soll.
Die frühen Kirche sah in der Beschreibung eines „Lichts für die Nationen“ jedoch als einen Hinweis auf den universalen Auftrag des Messias. Sie verbanden Jesaja 42 mit Aussagen aus der Schrift wie Lukas 2,32 oder Apostelgeschichte 26,23. Gerade deshalb wurde dieser Abschnitt im Neuen Testament und in der frühen Kirche häufig messianisch verstanden.
Ein Licht zur Offenbarung für die Nationen und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel.
Lukas 2,32
Viele Septuaginta-Kommentare betrachten diese Parallelen als Hinweis darauf, dass die Urgemeinde die Jesaja-Texte überwiegend durch die griechische Übersetzung las und deren universale Perspektive unmittelbar auf den Messias bezog. Dadurch wurde die Verheißung des „Lichts für die Nationen“ zu einem zentralen Element der christlichen Auslegung, in der sich die Sendung des Messias nicht auf Israel beschränkt, sondern auf alle Völker der Erde ausdehnt.
Er öffnet die Augen der Blinden und führt die Gefangenen aus dem Kerker
Für mich persönlich enthält Jesaja 42,6-7 deutliche Hinweise auf den Messias. Besonders die Aussage, dass die Augen der Blinden geöffnet werden, erinnert an das Zeugnis der Evangelien, in denen Jesus mehrfach Blinde heilt.
Eins aber weiß ich, daß ich blind gewesen bin und jetzt sehen kann.
Johannes 9,25
Ebenso erscheint die Verheißung, die Gebundenen aus dem Gefängnis zu führen, als eine messianische Aussage, die Jesus selbst aufgreift und erfüllt.
Diese aber, die eine Tochter Abrahams ist, die der Satan gebunden hat, siehe, achtzehn Jahre lang, sollte sie nicht von dieser Fessel gelöst werden am Tag des Sabbats?
Lukas 13,16
Ein Beispiel dafür findet sich in Lukas 13,10-17. Dort begegnet Jesus einer Frau, die achtzehn Jahre lang gekrümmt war und die er als von Satan „gebunden“ beschreibt. Durch sein Eingreifen wird sie von dieser Fessel gelöst. Das Bild des Gefängnisses muss dabei nicht nur wörtlich verstanden werden, sondern kann auch geistliche Knechtschaft, Krankheit oder Unterdrückung beschreiben.
Gleichzeitig begegnet uns dieses Motiv bereits im Alten Testament. Joseph war tatsächlich im Kerker gefangen und wurde schließlich durch Gottes Eingreifen befreit. Durch die Traumdeutung, die Gott ihm schenkte, wurde der Weg aus dem Gefängnis vorbereitet und Joseph letztlich erhöht. Seine Geschichte zeigt, dass Gott Menschen nicht in ihrer Gefangenschaft zurücklässt, sondern sie zu seiner Zeit herausführt.
Da sandte der Pharao hin und ließ Josef rufen; da ließen sie ihn schnell aus dem Kerker holen. Und er schor sich, wechselte seine Kleider und kam zum Pharao. Und der Pharao sprach zu Josef: Ich habe einen Traum gehabt, aber es gibt keinen, der ihn deute; ich habe nun von dir sagen hören, du verstehst es, einen Traum zu deuten.
Genesis 41,14-15
Dasselbe Muster findet sich auch im Leben der Apostel wieder. In Apostelgeschichte 16,16-40 werden Paulus und seine Begleiter gefangen gesetzt. Doch Gott greift ein, die Fesseln lösen sich und die Gefängnistüren öffnen sich.
Da entstand plötzlich ein starkes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses erbebten; sofort sprangen sämtliche Türen auf, und allen fielen die Fesseln von selbst ab.
Apostelgeschichte 16,26
Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Verbindung zwischen den alttestamentlichen Verheißungen, den Worten Jesajas und den Berichten des Neuen Testaments: Gott ist derjenige, der Blinde sehend macht, Gebundene befreit und Menschen aus der Finsternis ins Licht führt. Für mich weisen diese Bilder letztlich auf das Wirken des Messias hin, das im Zeugnis des Evangeliums in Jesus sichtbar wird.
Ursula von der Leyen’s Anspielung auf religiöse Identität der Juden
Europa steht für die Werte des Talmuds, für das jüdische Verständnis von persönlicher Verantwortung, Gerechtigkeit und Solidarität.
Mit diesen Aussagen verbindet Ursula von der Leyen die ethnische beziehungsweise genealogische Identität des jüdischen Volkes mit einer religiösen und kulturellen Identität. Wenn sie erklärt: „Europa steht für die Werte des Talmuds“, verweist sie nicht lediglich auf Menschen jüdischer Abstammung, sondern ausdrücklich auf Werte, die sie mit der jüdischen Religion und dem Talmud verbindet.
Denn die Geschichte Europas ist die Geschichte des jüdischen Volkes. Europa, das sind Simone Veil und Hannah Arendt. Europa, das sind Mahler, Kafka und Freud.
Zugleich beschreibt sie die europäische Geschichte als wesentlich von jüdischen Persönlichkeiten und Einflüssen geprägt, wenn sie sagt: „Denn die Geschichte Europas ist die Geschichte des jüdischen Volkes.“ Damit werden dem jüdischen Volk in Europa zwei Eigenschaften zugeschrieben: Einerseits eine religiöse Identität, die mit den Werten des Talmud in Verbindung gebracht wird, und andererseits eine kulturelle Identität, die durch den Einfluss jüdischer Denker, Künstler und Intellektueller auf die europäische Geschichte verankert wird.
Nach dieser Darstellung erscheinen jüdische Tradition, jüdische Kultur und jüdischer Einfluss als ein wesentlicher Bestandteil dessen, was Europa historisch geprägt hat.
Epstein und der Talmud
Jeffrey Epstein (1953–2019) war ein US-amerikanischer Finanzier, der zunächst als Lehrer tätig war und später in der Finanzbranche arbeitete. Öffentlich bekannt wurde er vor allem durch die Ermittlungen in Palm Beach, Florida, die zwischen 2005 und 2008 zu einer Verurteilung wegen der Anwerbung einer Minderjährigen zur Prostitution führten.
In den damaligen Schlagzeilen standen sowohl die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als auch sein ungewöhnlich weitreichendes Netzwerk aus Politikern, Unternehmern, Wissenschaftlern und anderen prominenten Persönlichkeiten. Medien berichteten insbesondere über seine Verbindungen zu wohlhabenden und einflussreichen Kreisen, seine luxuriösen Anwesen und die umstrittene Einigung mit den Strafverfolgungsbehörden, die damals zu erheblicher öffentlicher Kritik führte.
Internationale Schlagzeilen dominierten jedoch vor allem die Jahre 2019 bis 2025, nachdem Epstein im Juli 2019 erneut wegen Sexhandels mit Minderjährigen angeklagt worden war und im August 2019 angeblich in Untersuchungshaft starb.
Durch Dokumentationen, Fernsehberichte, Podcasts und umfangreiche Presseberichte wurde der Fall zu einem festen Bestandteil der internationalen Medienlandschaft und blieb noch Jahre nach seinem Tod Gegenstand öffentlicher Debatten und weiterer Untersuchungen.


Mit der wachsenden öffentlichen Aufmerksamkeit für den Fall Jeffrey Epstein wurden zahlreiche ältere Fotografien aus seinem privaten und beruflichen Umfeld in sozialen Medien, Blogs und Nachrichtenberichten verbreitet. Einige dieser Bilder wurden von Nutzern als vermeintliche Einblicke in seine Bibliothek, seine Interessen oder seine Weltanschauung interpretiert.
President Trump und Chabad Lubavitch
In den vergangenen Jahren erschienen wiederholt Presseberichte über Treffen von Donald Trump mit Vertretern der Chabad-Lubawitsch-Bewegung. Besondere Aufmerksamkeit erhielt sein Besuch am Ohel, der Grabstätte des Lubawitscher Rebben Menachem Mendel Schneerson, am 7. Oktober 2024 sowie ein Treffen mit führenden Chabad-Rabbinern im Oval Office am 29. September 2025.
Die Berichterstattung erfolgte vor allem in jüdischen und konservativen Medien, die diese Begegnungen als Ausdruck der langjährigen Beziehungen zwischen Trump und Teilen des orthodox-jüdischen Spektrums darstellten.

Ein besonders stark beachteter Termin war der Besuch Trumps am 7. Oktober 2024 am sogenannten Ohel in Queens, der Grabstätte des Lubawitscher Rebben Menachem Mendel Schneerson. Dabei wurde der Besuch als Zeichen der Solidarität mit Israel und als Geste gegenüber orthodox-jüdischen Wählern interpretiert.
Des weiteren berichteten mehrere Medien über ein offizielles Treffen Trumps mit einer Delegation von Chabad-Rabbinern im Weißen Haus am 29. September 2025. Die Delegation wurde von Rabbi Abraham Shemtov und Rabbi Levi Shemtov angeführt, zwei langjährigen Repräsentanten von Chabad in Washington.
Nach den Berichten fand das Treffen im Oval Office statt und stand im Zusammenhang mit dem jährlichen „Education and Sharing Day“, der auf den Einfluss des Lubawitscher Rebben verweist.
Das Noahidische Gesetz als Gesetz für alle Völker
In der öffentlichen Diskussion um den National Education and Sharing Day wird häufig auf die Verbindung zur Chabad-Lubawitsch-Bewegung und zu den Sieben Noachidischen Gesetzen hingewiesen.
Die jährlichen Präsidialproklamationen gehen auf die Würdigung des Wirkens des Lubawitscher Rebben Menachem Mendel Schneerson zurück, dessen Anhänger die Noachidischen Gebote als universelle moralische Prinzipien für die gesamte Menschheit betrachten.
Nach rabbinischer Tradition gelten diese Gebote nicht nur für Juden, sondern als Grundlage einer allgemeinen sittlichen Ordnung für alle Völker.
Befürworter sehen darin einen Aufruf zu Verantwortung, Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt, während Kritiker diskutieren, inwieweit religiöse Konzepte durch staatliche Ehrungen und politische Proklamationen öffentliche Anerkennung erhalten.
Das Noahidische Gesetz ist in Amerika bereits gesetzlich verankert
Nach dem Verständnis der Chabad-Lubawitsch-Bewegung stellen die Sieben Noachidischen Gebote eine universelle moralische Ordnung für die gesamte Menschheit dar. Der von amerikanischen Präsidenten jährlich ausgerufene Education and Sharing Day geht auf die Würdigung des Wirkens von Menachem Mendel Schneerson zurück und wird von seinen Anhängern als Gelegenheit verstanden, diese ethischen Prinzipien öffentlich zu fördern.
Der Lubawitscher Rebbe Menachem Mendel Schneerson forderte über Jahrzehnte hinweg Politiker und Staatsoberhäupter dazu auf, die Gesellschaft auf einer Grundlage von Moral, Verantwortung und Gottesbewusstsein zu stärken.
In diesem Zusammenhang wurde der jährliche Education and Sharing Day zu einem Instrument, um diese universellen ethischen Werte öffentlich hervorzuheben. In jüdischen und insbesondere Chabad-nahen Quellen wird häufig argumentiert, dass moderne Gesellschaften trotz wissenschaftlichen und technischen Fortschritts eine moralische Grundlage benötigen.
Deshalb enthalten die amerikanischen Proklamationen zum Education and Sharing Day regelmäßig Hinweise auf moralische Bildung, persönliche Verantwortung und ethische Prinzipien. Aus Sicht von Chabad spiegeln die Noachidischen Gebote genau diese grundlegenden Werte wider. Die politische Verankerung erfolgt dabei nicht durch die Einführung eines religiösen Gesetzbuches, sondern durch öffentliche Anerkennung, Bildungsprogramme, Proklamationen des Präsidenten und die Würdigung der Lehren des Rebben.
Was bewegt mich an dieser Thematik?
Die eigentliche Frage, die sich für mich durch diesen gesamten Artikel zieht, lautet: „Was geschieht, wenn religiöse Identität, kulturelle Identität und Abstammung miteinander vermischt werden?“ In meinem Artikel über die Entwicklung des rabbinischen Judentums sowie im Beitrag „Was ist die Tora der Juden?“ habe ich bereits aufgezeigt, dass innerhalb des rabbinischen Judentums unterschiedliche Strömungen existieren, darunter auch solche mit mystischen und messianische Ausprägungen.
Gerade Vertreter dieser mystisch-messianisch geprägten Bewegung haben in den vergangenen Jahrzehnten politischen Einfluss gewonnen und fanden über Initiativen wie den Education and Sharing Day sowie Kontakte zur Chabad-Lubawitsch-Bewegung sogar Zugang bis in das Umfeld amerikanischer Präsidenten.
Besonders bedeutsam im Hinblick auf den nationalen „Education and Sharing Day“ ist die Joint Resolution H.J. Res. 104, die als Public Law 102-14 am 20. März 1991 von Präsident George H. W. Bush unterzeichnet wurde. Diese gesetzliche Verankerung geht auf eine Initiative des US-Kongresses aus dem Jahr 1978 zurück. Die US-Präsidenten beider Parteien, darunter Ronald Reagan, George H. W. Bush, Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama, Joe Biden und Donald Trump, haben entsprechende Erklärungen veröffentlicht.
Die jeweilige Proklamation fordert Bürger, Bildungseinrichtungen, Behörden und gesellschaftliche Organisationen dazu auf, den Tag durch Bildungs-, Wohltätigkeits- und Gemeinschaftsaktivitäten zu begehen. Die Chabad-Lubawitsch-Bewegung verbindet diese Prinzipien häufig mit den Sieben Noachidischen Geboten, die sie als universelle moralische Ordnung für die Menschheit betrachtet.
Messiasvorstellung der Chabad-Sekte und mögliche politische Auswirkungen
Die an der mystischen Kabbala orientierte Endzeit-Sekte der Chabad-Lubavitch hat dabei immer noch eine messianische Erwartung und erhofft sich einen Erlöser. Nach den eigenen Veröffentlichungen von Chabad-Lubawitsch ist die Erwartung des kommenden Messias (hebräisch: Moshiach) kein Randthema, sondern ein zentrales Element ihrer Theologie. Auf einer ihrer Webseiten Chabad.org wird der „Moshiach“ als ein menschlicher Nachkommen König Davids beschrieben, der die Juden sammeln, den Tempel in Jerusalem wieder errichten und eine Zeit von Frieden, Gotteserkenntnis und weltweiter Harmonie herbeiführen wird.
Die Webseite Chabad.org wird von der Organisation „Chabad-Lubavitch Media Center“ in New York (USA) betrieben und veröffentlicht religiöse Lehren, Bildungsangebote, Nachrichten und Materialien aus der Perspektive von Chabad-Lubawitsch. Sie versteht sich als offizielle Stimme der Bewegung gegenüber der Öffentlichkeit.
Nach dem Verständnis der Chabad-Lubawitsch-Bewegung kann die Ankunft des Moshiach nicht nur erwartet, sondern auch durch konkrete religiöse und ethische Handlungen gefördert werden. In ihren eigenen Veröffentlichungen nennt die Bewegung dazu insbesondere Wohltätigkeit, Torastudium, die Verbreitung des Gottesbewusstseins, die Stärkung der jüdischen Religionspraxis sowie die Bekanntmachung der Sieben Noachidischen Gebote unter Nichtjuden. Die Erlösung wird dabei nicht als rein zukünftiges Ereignis verstanden, sondern als ein Ziel, auf das Gläubige aktiv hinarbeiten sollen, indem sie die Welt auf die messianische Zeit vorbereiten.
Nach den offiziellen Veröffentlichungen von Chabad.org gehört die Wiedererrichtung des Tempels in Jerusalem zu den klassischen Aufgaben des zukünftigen Moshiach. Der erwartete Messias wird dort als ein Nachkomme König Davids beschrieben, der die Juden sammelt, den Heiligen Tempel in Jerusalem wieder aufbaut und eine Zeit des Friedens sowie der Gotteserkenntnis herbeiführt.
Noahiden-Gemeinschaften bereiten international den Bau eines dritten Tempels vor
Kritische Stimmen verweisen jedoch darauf, dass messianische Erwartungen rund um den Tempelberg erhebliche politische Sprengkraft besitzen können. Die Religionswissenschaftlerin Rachel Feldman beschreibt in ihren Untersuchungen eine internationale Bewegung „Third Temple Movement“, deren Anhänger aktiv darauf hinarbeiten, Voraussetzungen für einen zukünftigen dritten Tempel in Jerusalem zu schaffen.
Zu den wichtigsten Aussagen Feldmans gehört die Beobachtung, dass sich die Bewegung von einer kleinen religiösen Strömung in Israel zu einem internationalen Phänomen entwickelt habe. Sie beschreibt Verbindungen zu sogenannten Noahiden-Gemeinschaften außerhalb Israels, insbesondere in Nordamerika, Lateinamerika und anderen Teilen der Welt. Nach ihrer Analyse beschränkt sich die Bewegung nicht auf theologisches Nachdenken über den Tempel, sondern umfasst teilweise:
- konkrete Vorbereitungen
- Bildungsprogramme
- Rekonstruktionen von Tempelgeräten
- Priesterschulungen und
- symbolische Opferzeremonien.
Während Chabad selbst die Erlösung überwiegend als geistlichen und göttlichen Prozess beschreibt, sehen manche Religionswissenschaftler und Journalisten in bestimmten messianischen Bewegungen die Gefahr, dass religiöse Erwartungen mit politischen Zielen vermischt werden.
Unterschiedliche Deutungsansätze der Schrift
Darüber hinaus begegnen uns bei der Auslegung der Bibel grundlegend unterschiedliche Deutungsansätze. Während die traditionelle jüdische Auslegung den Gottesknecht in Jesaja häufig mit dem Volk Israel verbindet, sieht die christliche Auslegungstradition darin überwiegend einen Hinweis auf den Messias Jesus Christus.
Gleichzeitig existieren innerhalb des Christentums, insbesondere im Dispensationalismus, auch Auslegungsmodelle, die bestimmte Aussagen über Israel in einem stärkeren Bezug zum jüdischen Volk und seiner heilsgeschichtlichen Rolle verstehen.
Vermischungen im Verständnis des modernen Staates von Israel
Nach meiner Beobachtung kommt es unter Christen nicht selten bei Gesprächen über das moderne Israel, rabbinischem Judentum und zur kulturellen Identität der Bevölkerung Israels zu einer Vermischung zwischen:
- dem Israel zur Zeit Jesu unter römischer Herrschaft
- dem biblischen Israel der Königszeit der Schrift und
- dem heutigen modernen Staat Israel.
Dadurch werden politische, ethnische und geistliche Aussagen häufig miteinander verbunden, obwohl sie ursprünglich unterschiedlichen historischen Zusammenhängen entstammen. Gerade deshalb halte ich eine sorgfältige Prüfung der Quellen und eine klare Positionierung der Schriftauslegung für notwendig.
Mein persönlicher Ansatz
Mit Priest of Elohim möchte ich einen Beitrag dazu leisten, biblische Zusammenhänge in ihrem historischen, theologischen und prophetischen Kontext zu untersuchen und die verschiedenen Deutungsansätze transparent darzustellen.