Aus religionswissenschaftlicher Sicht bezeichnet „Tora“ ursprünglich die fünf Bücher Mose. Im rabbinischen Judentum entwickelte sich der Begriff jedoch zu einem umfassenderen Konzept, das neben der schriftlichen Tora auch die sogenannte mündliche Tora einschließt.
Dadurch können Mischna, Talmud und in manchen Traditionen sogar die kabbalistische Auslegung als Teil der „Tora“ verstanden werden, ohne selbst mit den fünf Büchern Mose identisch zu sein.
Im rabbinischen Judentum besitzt der Begriff „Tora“ daher mehrere Bedeutungsebenen. Er kann die fünf Bücher Mose bezeichnen, den gesamten Tanach, die mündliche Tora (Mischna, Talmud und spätere rabbinische Traditionen) oder sogar die Gesamtheit der göttlichen Offenbarung und ihrer Auslegung.
Schriftliche Tora
Die schriftliche Tora bezeichnet die fünf Bücher Mose: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Im rabbinischen Judentum gilt sie als der schriftlich festgehaltene Teil der Offenbarung, die Mose am Sinai empfangen haben soll.
Mündliche Tora
Die mündliche Tora bezeichnet nach rabbinischer Auffassung die ergänzenden Lehren, Auslegungen und Anweisungen, die zusammen mit der schriftlichen Tora offenbart und zunächst mündlich weitergegeben wurden. Sie bildet die Grundlage für die spätere rabbinische Tradition und wird heute vor allem mit Mischna, Talmud und den daraus hervorgegangenen Auslegungen verbunden.
Mischna
Die Mischna ist die älteste große Sammlung der mündlichen Tora und wurde um 200 n. Chr. unter Jehuda ha-Nasi zusammengestellt. Sie enthält rabbinische Rechtsentscheidungen, Diskussionen und Überlieferungen und bildet den Grundtext, auf dem später der Talmud aufbaut.
Talmud
Der Talmud ist die wichtigste Sammlung rabbinischer Auslegungen zur schriftlichen und mündlichen Tora. Er besteht aus der Mischna und der Gemara, einer umfangreichen Diskussion und Kommentierung der Mischna durch spätere Rabbiner.
Kabbala
Die Kabbala ist die jüdische Mystik und beschäftigt sich mit den verborgenen oder geistlichen Bedeutungen der Tora. In vielen rabbinischen Traditionen wird sie als Teil der mündlichen Überlieferung betrachtet und als tiefere Ebene des Verständnisses der göttlichen Offenbarung verstanden.
Rabbiner
Ein Rabbiner ist ein jüdischer Lehrer und Ausleger der Tora, dessen Aufgabe darin besteht, die heiligen Schriften zu erklären und auf das praktische Leben anzuwenden. Nach dem Babylonischen Exil sprachen viele Juden vor allem Aramäisch, während die hebräische Sprache der Schrift zunehmend schwer verständlich wurde.
Deshalb wurden in den Synagogen sogenannte Targumim angefertigt, aramäische Übersetzungen und Auslegungen der biblischen Texte, damit das Volk den Inhalt verstehen konnte.
Aus dieser Tätigkeit des Vorlesens, Übersetzens und Erklärens entwickelte sich nach und nach eine Tradition autoritativer Schriftauslegung. Die Rabbiner bewahrten diese Auslegungstraditionen, erweiterten sie um rechtliche und religiöse Anwendungen und legten damit den Grundstein für die spätere mündliche Tora, die schließlich in Mischna und Talmud verschriftlicht wurde. In diesem Sinn standen die Rabbiner nicht nur für die Übersetzung der hebräischen Texte, sondern auch für deren fortlaufende Interpretation innerhalb des entstehenden rabbinischen Judentums.
Tanach („Tanakh“)
Tanach (hebräisch: תנ״ך, TaNaKh) ist die traditionelle jüdische Bezeichnung für die Sammlung der heiligen Schriften Israels. Das Wort ist ein Akronym, das aus den Anfangsbuchstaben seiner drei Hauptteile gebildet wurde:
- T = Tora (Weisung, die fünf Bücher Mose)
- N = Nevi’im (Propheten)
- K = Ketuvim (Schriften)
Wörtlich bedeutet „Tanach“ daher nicht „Altes Testament“, sondern ist eine Abkürzung für die dreiteilige Gliederung der hebräischen Bibel.
Etymologie der Bestandteile
Tora (תורה) stammt von der hebräischen Wurzel ירה (jara), die „weisen“, „unterweisen“ oder „anleiten“ bedeutet. Der Begriff meint daher ursprünglich „Weisung“, „Lehre“ oder „Unterrichtung“, nicht einfach „Gesetz“.
Nevi’im (נביאים) ist der Plural von Navi (נביא), „Prophet“. Gemeint sind die Bücher der früheren und späteren Propheten.
Ketuvim (כתובים) bedeutet wörtlich „Schriften“ oder „geschriebene Werke“. Zu diesem Teil gehören unter anderem Psalmen, Sprüche, Hiob, Daniel, Esra-Nehemia und die Chronikbücher.
War die Bezeichnung „Tanach“ immer gebräuchlich?
Nein. Die dreiteilige Einteilung in Tora, Propheten und Schriften lässt sich bereits in der Antike nachweisen. So spricht beispielsweise das Vorwort zum Buch Jesus Sirach (2. Jh. v. Chr.) von „dem Gesetz, den Propheten und den übrigen Schriften“. Auch Jesus erwähnt in Lukas 24,44 „das Gesetz des Mose, die Propheten und die Psalmen“, was dieselbe Grundgliederung widerspiegelt.
Die eigentliche Kurzbezeichnung „Tanach“ entstand jedoch erst deutlich später als Akronym aus diesen drei Begriffen. Während der Begriff „Tora“ im rabbinischen Judentum zunehmend erweitert wurde und schließlich auch die mündliche Tora, Mischna, Talmud und andere Auslegungstraditionen umfassen konnte, bezeichnet „Tanach“ eindeutig die schriftliche Sammlung der hebräischen Bibel.
Werden der Talmud und die Kabbala als autoritative Schriften in allen heutigen modernen Tradtionen des rabbinischen Judentums anerkannt?
Der Talmud wird in allen Strömungen des rabbinischen Judentums als grundlegender Teil der rabbinischen Tradition anerkannt, die Frage seiner Verbindlichkeit wird jedoch unterschiedlich bewertet.
| Strömung | Talmud | Kabbala |
|---|---|---|
| Orthodoxes Judentum | Autoritativ und verbindlich | Weitgehend anerkannt, besonders in vielen traditionellen und chassidischen Kreisen |
| Charedisches / Ultraorthodoxes Judentum | Voll autoritativ | Häufig sehr wichtig |
| Konservatives Judentum | Grundlegende Autorität, aber historisch auslegbar | Unterschiedliche Bedeutung, meist nachrangig |
| Reformjudentum | Wichtige historische Quelle, aber nicht verbindlich | Meist keine normative Autorität |
| Liberales / Progressives Judentum | Wertvolle Tradition, aber nicht bindend | Oft von geringer praktischer Bedeutung |
Das rabbinische Judentum wird als „rabbinisch“ bezeichnet, weil es die Autorität der rabbinischen Auslegungstradition anerkennt. Deshalb spielt der Talmud in allen rabbinischen Strömungen eine zentrale Rolle. Die Kabbala wurde nie in allen jüdischen Gemeinschaften gleichermaßen akzeptiert. Während sie insbesondere seit dem Mittelalter und in chassidischen Kreisen großen Einfluss gewann, betrachten viele moderne Rabbiner sie eher als mystische Auslegungstradition und nicht als gleichrangige Autorität neben Tora und Talmud. Der Talmud bildet die zentrale Grundlage der rabbinischen Gesetzes- und Auslegungstradition, während die Kabbala überwiegend als mystische Deutung dieser Tradition verstanden wird.
Rabbinsche Endzeit-Sekte „Chabad Lubavitch“
Lubawitsch ist der Name einer Kleinstadt im heutigen Russland (historisch Weißrussland), die im 19. Jahrhundert zum Zentrum dieser chassidischen Richtung wurde. Chabad-Lubawitsch entstand nicht unabhängig vom Chassidismus, sondern ist eine seiner vielen Dynastien. Der Gründer von Chabad, Schneur Salman von Liadi (1745–1812), war ein Schüler der zweiten Generation des Chassidismus.
Der Name „Chabad“ leitet sich von den kabbalistischen Begriffen „Chochmah“ (Weisheit), „Binah“ (Verständnis) und „Daat“ (Erkenntnis) ab. Während viele chassidische Richtungen den Schwerpunkt auf religiöse Begeisterung, Gebet und die Bindung an den Rebbe legen, betont Chabad zusätzlich:
- intensives Studium
- kabbalistische Theologie
- systematische Gotteserkenntnis
- missionarische Aktivitäten gegenüber säkularen Juden
- eine starke messianische Erwartung
Gerade die letzten beiden Punkte führten dazu, dass Chabad im 20. Jahrhundert wesentlich sichtbarer wurde als die meisten anderen chassidischen Gruppen.
Nach Einschätzung zahlreicher Forscher stellt Chabad-Lubawitsch eine moderne Ausprägung des chassidischen Judentums dar, deren Theologie stark von Kabbala, der Verehrung des Rebbe und messianischen Erwartungen geprägt ist.
Die Forschung diskutiert besonders die Bedeutung des Messianismus um Menachem Mendel Schneerson, ohne Chabad insgesamt außerhalb des rabbinischen Judentums einzuordnen.
Rabbiner und Rebbe: Was ist der Unterschied?
Ein Rebbe ist im Chassidismus weit mehr als ein Lehrer. Er gilt als geistlicher Führer einer chassidischen Gemeinschaft und wird oft als besonders enger Mittler zu den geistlichen Wahrheiten der Tora angesehen. Die Anhänger suchen bei ihm nicht nur rechtliche Entscheidungen, sondern auch geistlichen Rat, Segnungen und Orientierung.
Kurz gesagt:
Der Rebbe ist spiritueller Meister, Vorbild und charismatischer Führer seiner Anhänger.
Als Querverweis möchte ich hier auch auf das Schlagwort „Esoterik“ auf dieser Webseite aufmerksam machen, da diese geistliche Bezeichnung des „Meisters“, die unter Christen eigentlich auf Jesus zutrifft, in allen Formen der modernen Spiritualität wiederzufinden ist.
»Maria!«, sagte Jesus zu ihr. Sie wandte sich ihm zu und sagte: »Rabbuni!« Das ist Hebräisch und heißt: Mein Lehrer!
Johannes 20,16
Der Unterschied der autoritativen Figur des „Rebbe“ und Jesus als Mittler eines neuen Bundes
In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass sich im Chassidismus des 18. Jahrhunderts die Lehre vom Zaddik (Gerechten) entwickelte, einem besonders heiligen Menschen, durch den göttlicher Segen und geistliche Erkenntnis vermittelt werden können.
Während ein Rabbiner vor allem als Gelehrter und Ausleger der jüdischen Schriften wirkt, entwickelte der Chassidismus die Figur des Rebbe als charismatischen geistlichen Führer. Der Rebbe steht in der chassidischen Tradition nicht nur für Wissen über die Tora, sondern auch für die mystische und spirituelle Führung seiner Anhänger.
Im Christentum dagegen sind wir durch das Blut Jesu gerecht gesprochen.
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
Römer 5,1
Um wie viel mehr werden wir nun, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt worden sind, durch ihn vor dem Zorn errettet werden!
Römer 5,9
Aufgrund dieses Willens sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi.
Hebräer 10,10
Im chassidischen Judentum entwickelte sich die Vorstellung des „Zaddik“ oder „Rebbe“ als eines besonders gerechten Menschen, der seinen Anhängern geistliche Orientierung vermittelt und sie auf ihrem Weg zu Gott führt. Das Neue Testament betont dagegen, dass kein besonderer geistlicher Mittler zwischen Gott und den Gläubigen erforderlich ist.
Der Mensch wird nicht durch die Gerechtigkeit eines Rebbe, sondern durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt (Römer 3,28; Galater 2,16). Nach neutestamentlichem Verständnis werden alle Gläubigen durch das Blut Christi gerecht gesprochen (Römer 5,9), aus Gnade errettet (Epheser 2,8-9) und in Christus geheiligt (Hebräer 10,10), sodass die Erlösung nicht einer geistlichen Elite, sondern allen Glaubenden offensteht.