Der Tag des Herrn

In diesem Beitrag gehe ich von einer folgender These aus: Jesus und die Apostel greifen den „Tag des HERRN“ bewusst aus den prophetischen Schriften des Alten Testaments auf, um auf das endgültige Gericht Gottes hinzuweisen. Während manche Ausleger die Gerichtsworte der Propheten vor allem als bereits erfüllte historische Ereignisse verstehen, verlagern andere ihre Bedeutung nahezu vollständig in die Zukunft.

Der „Tag des Herrn“ im Neuen Testament

Schon seit einiger Zeit beschäftigt mich der Tag des Herrn, von dem Jesus selbst im Matthäusevanglium spricht:

Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

Matthäus 24,36

Dieser Tag wird hier nicht ausdrücklich als Tag des Herrn bezeichnet, aber wir wissen aus anderen Schriften, dass Jesus genau von diesen Tag spricht, an dem er wieder kommt.

Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. 

Matthäus 24,42

In diesem Gleichnis wird deutlich, dass es uns als Christen, wie Diener eines Herrn, nicht gestattet ist, es uns gut gehen zu lassen und in „Saus und Braus“ zu leben. Wachsamkeit ist angesagt, Bereitschaft und eine dienende Haltung.

 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.

1.Thessalonicher 5,2

Der Tag des Herrn wird im Thessalonicherbrief als ein plötzliches und unerwartetes Ereignis beschrieben, das uns überraschen wird. Genauer gesagt ist es aber ein Ereignis, das nur jene Menschen überraschen wird, die nicht im Lichte des Evangeliums, der frohen Botschaft leben, sondern in der Finsternis, das ein Sinnbild für Sünde ist.

Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.

1.Thessalonicher 5,4

Der „Tag des Herrn“ im Alten Testament

Nun ist es so, dass der Tag des Herrn schon im Alten Testamen vorkommt und wir in den meisten christlichen Gemeinden in Deutschland, beziehungsweise in der evangelikalen und anderen religiösen Christentümern keine Klarheit darüber bekommen können, was es damit auf sich hat.

Die Vertreter der einen Theologie historisieren diesen Tag des Herrn. Andere wiederum verlagern ihn in die Zukunft, vor allem in den Reihen der Dispensionalisten, die eine futuristische Deutung bevorzugen.

Doch was ist, wenn Jesus und die Jünger genau diesen „Tag des Herrn“ aus den prophetischen Schriften des alten Testaments als Erkennungsmerkmal für die Prophetien im neuen Testament gebrauchten, um deutlich zu machen, dass es sich dabei um ein und denselben Tag handelt, von dem hier die Rede ist?

Dringlichkeit und Unsausweichlichkeit

Nahe ist der große Tag des HERRN; er ist nahe, und sehr rasch kommt er herbei! Horch, der Tag des HERRN! Bitter schreit dort auf der Held.

Zefanja 1,14

Genau diese Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit über diesen Tag kommt in den Propheten, sowie im Evangelium zum Ausdruck. Es wird etwas Unausweichliches beschrieben, das nicht aufgehalten werden kann. Etwas das schon längst beschlossen ist.

Denn wenn dein Volk, o Israel, wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur ein Überrest von ihm sich bekehren; denn Vertilgung ist beschlossen, die einherflutet in Gerechtigkeit.

Jesaja 10,22

Das Gericht über die ganze Erde und deren Bewohner

Man könnte zuerst meinen, es handle sich in diesem Zusammenhang der Schrift hier nur um das Volk von Israel. An anderer Stelle lesen wir jedoch über das göttliche Gericht, das auf die ganze Erde und ihre Bewohner ausgeweitet wird.

Der HERR der Heerscharen hat es beschlossen, um den Stolz all ihrer Pracht zu entweihen und alle Vornehmen der Erde verächtlich zu machen.

Jesaja 23,9

Wenn ich die Gerichtsworte des Propheten über Babylon, Ägypten, Juda oder andere Nationen lese, sehe ich darin weder ausschließlich vergangene Geschichte noch ausschließlich zukünftige Endzeitereignisse. Meiner Auffassung nach verbindet die Bibel beide Ebenen miteinander.

Die historischen Gerichte waren reale Ereignisse, doch die prophetischen Aussagen über diese Reiche besaßen von Anfang an eine Bedeutung, die über ihre unmittelbare historische Erfüllung hinausging.

Über euch, Bewohner der Erde, kommt Schrecken und Schacht und Schlinge.

Jesaja 24,17

Die Theologien des Präterismus und Futurismus

Der Präterismus, der insbesondere in reformierten und teilweise auch baptistischen Kreisen verbreitet ist, betont vor allem die historische Erfüllung dieser Prophetien. Die kosmischen Zeichen in Jesaja, Joel oder Matthäus 24 werden dabei häufig als Bildsprache für politische und religiöse Umbrüche verstanden.

Die Gerichtsworte hätten sich demnach weitgehend in den jeweiligen historischen Gerichten oder im Untergang Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. erfüllt. Ich halte diese Sicht für zu eng gefasst, weil sie zwar den historischen Kontext ernst nimmt, aber die fortlaufende Verwendung derselben Gerichtssprache durch Jesus und die Apostel nicht ausreichend erklärt. Auf der anderen Seite überzeugen mich auch bestimmte futuristische Modelle nicht vollständig. Viele futuristische Ausleger lesen die alttestamentlichen Prophetien fast ausschließlich als direkte Vorhersagen zukünftiger Endzeitereignisse. Dadurch gerät die historische Ebene oft in den Hintergrund.

Meiner Ansicht nach stellen die Gerichte über Babylon, Ägypten oder Juda tatsächlich reale Handlungen Gottes in der Geschichte dar. Dennoch waren sie zugleich prophetische Vorzeichen eines noch größeren und endgültigen Gerichts.

Eine endzeitliche Warnung an die Menschheit

Jesus hat nicht zufällig die Sprache der Propheten aufgegriffen. Die Gerichtsworte über Juda, Babylon, Tyrus oder Ägypten waren reale Handlungen Gottes in der Geschichte, doch Jesus und die Apostel verwenden dieselben Begriffe und Bilder, um auf eine noch größere Erfüllung dieser Prophetien hinzuweisen: den kommenden Tag des HERRN.

Was Gott in der Vergangenheit bereits an einzelnen Nationen gezeigt hat, wird nach meinem Verständnis am Ende der Zeiten in einem endgültigen Gericht über die ganze Welt vollendet. Die früheren Gerichte waren daher nicht nur historische Ereignisse, sondern zugleich prophetische Vorzeichen. Sie offenbaren das göttliche Handeln, wie es sich durch die gesamte Schrift zieht. Wenn Jesus die Sprache der Propheten auf seine eigene Wiederkunft anwendet, deutet er damit an, dass der Tag des HERRN, von dem Amos, Joel und Jesaja sprachen, letztlich auf sein eigenes Kommen als Richter und König zuläuft.

So verbindet die Bibel Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer gemeinsamen Hoffnung und zugleich zu einer ernsten Warnung an die Menschheit.

Merkblatt über den „Tag des Herrn“

Im folgenden Merkblatt (PDF) untersuche ich noch mal ausführlicher die Unterschiede der jeweiligen Deutungen alttestamentlichen Gerichtsworte und setze sie in Bezug zur Endzeitrede Jesu in Matthäus 24.

Im Mittelpunkt steht die These, dass die Gerichte über Babylon, Ägypten und andere Nationen zwar historische Ereignisse waren, die prophetischen Aussagen darüber jedoch von Anfang an eine weiterreichende endzeitliche Bedeutung besaßen. Dabei wird meine eigene Position sowohl vom Präterismus als auch von futuristischen Modellen abgegrenzt und anhand von Bibelstellen sowie einem Bibelkommentar von John Gill eingeordnet.

Kernthesen

Die Untersuchung basiert dabei auf folgenden Annahmen:

  • Jesus und die Apostel greifen die Sprache der Propheten auf, weil sie in den früheren Gerichten Vorboten des zukünftigen Tages des HERRN erkennen.
  • Die vielen Antichristen aus 1. Johannes 2,18 dienen als Muster dafür, wie Vorläufer und endgültige Erfüllung nebeneinander bestehen können.
  • Die Motive aus Joel und Offenbarung beschreiben nicht getrennte Themen, sondern verschiedene Erscheinungsformen desselben endzeitlichen Gerichts.
  • Babylon, Ägypten und Sodom stehen letztlich nicht nur für historische Reiche, sondern für die fortdauernde geistliche Rebellion des Menschen gegen Gott.

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Author: Dominik

Dominik ist christlicher Autor und verfasst Beiträge zu prophetischen Träumen, christlicher Theologie, Prophetie der Endzeit, sowie der kritischen Auseinandersetzung mit Esoterik. Über sieben Jahre war Dominik in einer internationalen Sekte aktiv, die Veranstaltungszentren unter anderem in Indien, Großbritannien und Schweden betrieb. Nach seinem Ausstieg wandte er sich durch seinen Glauben an Jesus von Esoterik ab und begann, sich intensiv mit der Bibel und christlicher Lehre auseinanderzusetzen. Während eines Aufenthalts in Melbourne, Australien, ließ er sich im Alter von 36 Jahren taufen. Heute lebt er mit seiner Ehefrau Nadine in Deutschland. Auf seinem Blog Priest of Elohim veröffentlicht er regelmäßig Artikel zu zentralen Themen wie Trinität, Ehe oder Geistesgaben. Bewerbe dich als Gast für den Podcast

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