Die Septuaginta (LXX) übersetzt die hebräischen Gottesbezeichnungen Elohim, Yahweh Elohim und Adonai Yahweh in einem klaren, aber theologisch hochbedeutsamen Muster. Meist erscheint θεός (theos) als Wiedergabe von Elohim, während für Yahweh Elohim die Formel κύριος ὁ θεός (Kyrios ho Theos) verwendet wird. Damit wird der Gottesname „YHWH“ im Griechischen systematisch durch Kyrios ersetzt, während Elohim durch Theos wiedergegeben wird. Zugleich vermeidet die Septuaginta jede Assoziation von Polytheismus, obwohl Elohim formal ein Plural ist: die Übersetzer lesen und deuten Elohim eindeutig monotheistisch und geben ihn als „der Gott“ wieder.
Ein klassisches Beispiel ist Genesis 2,7: Im hebräischen Text steht „Yahweh Elohim“, im griechischen Text der LXX erscheint „Kyrios ho Theos“. Die Kombination des Bundesnamens YHWH mit Elohim wird also zu einer festen Formel, die im Griechischen sowohl die personale Herrschaft Gottes (Kyrios) als auch seine göttliche Wesenheit (Theos) ausdrückt. Diese Wendung ist in der Septuaginta geradezu zur Standardformel für den Gott Israels geworden und prägt später auch die Sprache des Neuen Testaments, in dem Kyrios und Theos die zentralen Gottesbezeichnungen sind.
Ähnlich verfährt die Septuaginta mit der Bezeichnung Adonai. Adonai, ursprünglich eine ehrfürchtige Anrede „mein Herr“, wird im Griechischen ebenfalls mit Kyrios wiedergegeben. Wenn im Hebräischen Adonai und YHWH zusammen auftreten – etwa in Formeln wie „Adonai Yahweh“ (z. B. Hesekiel 2,4) – entsteht in der LXX die Doppelbezeichnung „Kyrios Kyrios“. Damit spiegelt die Septuaginta die hebräische Doppelformel in einer doppelten Herrschaftsanrede wider und macht zugleich deutlich, dass sowohl Adonai als auch YHWH im liturgischen und theologischen Gebrauch durch Kyrios ersetzt werden. Religionsgeschichtlich verweist dies auf die Scheu, den Gottesnamen YHWH auszusprechen, und auf die Praxis, ihn im Vorlesen durch Adonai zu ersetzen – eine Praxis, die sich im griechischen Text als Kyrios niederschlägt.
Religionswissenschaftlich wird die Septuaginta deshalb oft als Schlüsseltext für die Entwicklung der jüdischen und frühchristlichen Gottesvorstellung beschrieben. Die Ersetzung des Tetragramms durch Kyrios zeigt, wie sich der Gottesname von einer spezifischen, national gebundenen Bezeichnung hin zu einem Titel mit universaler Herrschaftsbedeutung verschiebt. Artikel wie „Herr / Adonaj / Kyrios“ im WiBiLex (J. Cornelis de Vos) und Darstellungen zu den Gottesbezeichnungen im Alten Testament, etwa von Thomas Hieke, betonen, dass Kyrios in der Septuaginta nicht nur eine Übersetzung, sondern ein bewusst gewählter Ersatzname ist, der die Verehrung des einen Gottes wahrt und zugleich seine Anrede in der griechischen Welt ermöglicht.
Bibelwissenschaftler weisen zudem darauf hin, dass Jesus und die Jünger den rekonstruierten Namen „Yahweh“ niemals verwendet haben. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens war der Gottesname im Judentum des 1. Jahrhunderts tabuisiert; er wurde weder ausgesprochen noch im liturgischen Alltag verwendet. Stattdessen sagte man Adonai oder HaSchem („der Name“). Zweitens war die Septuaginta die maßgebliche Bibel der hellenistischen Welt und auch der Urgemeinde; sie verwendete Kyrios als Ersatz für YHWH. Drittens zeigen neutestamentliche Texte, dass Jesus selbst die Gottesbezeichnung „Vater“ bevorzugte und in der Schriftlesung den traditionellen Ersatznamen verwendete.
Schließlich wird in der religionsgeschichtlichen Forschung hervorgehoben, dass der Gottesname „Ich bin“ aus Exodus 3,14 („Ehjeh Asher Ehjeh“) kein sprechbarer Name, sondern eine Offenbarungsformel ist. Die Septuaginta übersetzt sie mit „Ego eimi ho on“ („Ich bin der Seiende“), was später in der christlichen Theologie zu einem metaphysischen Gottesbegriff führte. Die Jünger und Jesus haben daher nicht den rekonstruierten Namen „Yahweh“ verwendet, sondern die überlieferte jüdische Praxis respektiert und den Gottesnamen durch Titel wie Kyrios, Theos oder Vater ersetzt.
In der altorientalischen Religion Babyloniens und Assyriens galt der Name einer Gottheit als wirksame Manifestation ihrer Macht, ähnlich wie im hebräischen Denken hinter dem Begriff Elohim. Die Aussprache eines Gottesnamens wurde als Anrufung verstanden, die die Gottheit selbst und ihre himmlischen Gefolgschaften – Schutzgeister, Dämonen, göttliche Boten – präsent machen konnte. Forscher wie Lambert (1997, Babylonian Creation Myths) und Jacobsen (1976, The Treasures of Darkness) beschreiben, dass der Name eines Gottes als Teil seiner Essenz galt und seine Macht „in den Raum der Handlung“ rief. In Ritualtexten zeigt sich, dass die Nennung von Marduk oder Ishtar zugleich ihre Heerscharen aktivierte, vergleichbar mit der pluralischen Dimension von Elohim und den „Heerscharen“ Israels. Auch die magischen Texte Mesopotamiens warnen davor, göttliche Namen leichtfertig auszusprechen, da dies unbeabsichtigte Wirkung entfalten könne – ein Konzept, das später im biblischen Verbot, den Namen Gottes „vergeblich“ zu gebrauchen, eine monotheistische Transformation erfährt.
Jesus bricht nach religionswissenschaftlicher Analyse tatsächlich mit der jüdischen Tradition der Tabuisierung des Gottesnamens, indem er seine Jünger ausdrücklich dazu anleitet, an seinen Namen zu glauben und in seinem Namen zu handeln. Während der Gottesname YHWH im Judentum des 1. Jahrhunderts nicht ausgesprochen wurde und durch Adonai oder HaSchem ersetzt wurde, übernimmt der Name Jesus/Josua – in der Septuaginta identisch als Iēsous wiedergegeben – eine neue heilsgeschichtliche Funktion. Forscher wie Joachim Jeremias (1962, Die Gebetsprache Jesu) und Larry Hurtado (2003, Lord Jesus Christ) zeigen, dass der Name Jesu im frühen Christentum jene kultische Bedeutung erhält, die zuvor dem unaussprechbaren Gottesnamen zukam. Richard Bauckham (2008, Jesus and the God of Israel) argumentiert, dass Jesus in die Identität des Gottesnamens hineingenommen wird, sodass sein Name selbst zum Ort der göttlichen Gegenwart wird. Damit wird der Name Jesu – „Gott rettet“ – zur neuen Offenbarungsform, die die Funktion des Tetragramms nicht ersetzt, sondern erfüllt.
| Philologisch und religionsgeschichtlich ist der Name Jesus/Josua tief in der hebräischen Tradition verankert. Die Septuaginta übersetzt das Buch Josua mit Iēsous, was zeigt, dass der Name Jesu im Judentum der Zeit als theophorer Heilsname verstanden wurde. N. T. Wright (2012, Jesus and the Victory of God) und David Flusser (1998, Jesus) betonen, dass dieser Name im antiken Judentum eine starke eschatologische Bedeutung hatte: Er verweist auf Gottes rettendes Eingreifen. Der Name Immanuel („Gott mit uns“) trägt dieselbe theologische Struktur wie Yeshua („Gott rettet“), denn beide Namen verdichten die Präsenz und das Wirken Gottes in einer Person. Jan Assmann (2010, Moses der Ägypter) und Frank Moore Cross (1973, Canaanite Myth and Hebrew Epic) zeigen, dass theophore Namen im Alten Orient als Träger göttlicher Macht galten – sie sind nicht bloße Bezeichnungen, sondern verdichtete Offenbarungsformeln. In diesem Licht erscheint die christologische Deutung des Namens Jesu als bewusste Fortführung altorientalischer Namensoffenbarung, jedoch monotheistisch konzentriert auf eine einzige Person. |
| Religionsgeschichtlich wird deutlich, dass Jesus nicht den Gottesnamen YHWH rekonstruiert, sondern die Offenbarungsfunktion des Namens in seine eigene Person verlagert. Der Name „Jesus“ wird zur neuen Anrufungsform Gottes, vergleichbar mit der altorientalischen Vorstellung, dass der Name einer Gottheit ihre Gegenwart und Macht aktiviert. Hurtado und Bauckham zeigen, dass die frühe Kirche den Namen Jesu kultisch verehrte – im Gebet, in der Taufe, im Exorzismus und in der Liturgie –, was im Judentum ausschließlich dem Gottesnamen vorbehalten war. Damit wird der Name Jesu zur Inkarnation des göttlichen Namens, und die Namen Immanuel und Yeshua erscheinen als zwei komplementäre theologische Aussagen: Gott ist mit uns – und Gott rettet. |
Es gibt in der Judaistik und der religionsgeschichtlichen Forschung klare Hinweise, dass in der Zweiten Tempelperiode (ca. 500 v. Chr. – 70 n. Chr.) neben dem unaussprechbaren Gottesnamen YHWH auch Elohim als Anrufungsform Gottes verwendet wurde, insbesondere in synagogalen, liturgischen und weisheitlichen Kontexten. Die Forschung zeigt, dass „Elohim“ in dieser Zeit nicht nur eine theologische Bezeichnung, sondern auch eine kultische Anredeform war – besonders dort, wo der Gottesname YHWH bewusst vermieden wurde.
Die religionswissenschaftliche Forschung zeigt deutlich, dass die Verwendung alternativer Gottesnamen – etwa Jehova, Yahweh oder Elohim – in bestimmten modernen Strömungen des rabbinischen Judentums und der Kabbalah nicht einfach neutrale Bezeichnungen sind, sondern mystische Anrufungsformeln, die eine spirituelle Wirksamkeit besitzen sollen.
In der Kabbalah gelten Gottesnamen als Kräfte, die durch Aussprache, Meditation oder Kombination aktiviert werden können (Scholem, 1965, Major Trends in Jewish Mysticism).
- Er steht so hoch über den Engeln, wie der Sohnesname, den Gott ihm verliehen hat, den Engelnamen an Würde übertrifft. – Hebräer 1,4
- Deshalb hat Gott ihn in den Himmel gehoben und ihm einen Namen gegeben, der höher ist als alle anderen Namen. – Philipper 2,9
- Auf der ganzen Welt hat Gott keinen anderen Namen bekannt gemacht, durch den wir gerettet werden könnten. Apostelgeschichte 4,12
Paulus warnt mehrfach vor einer Judaisierung der christlichen Botschaft, die die Gemeinde zurück in Praktiken führen würde, die Christus überwunden hat. In Galater 1,6–9 spricht er von einem „anderen Evangelium“, das die Freiheit des Christusglaubens untergräbt. In Kolosser 2,8 warnt er vor „philosophischen und leeren Täuschungen nach menschlicher Überlieferung“, die nicht Christus gemäß sind. Religionswissenschaftlich wird diese Warnung so verstanden, dass Paulus die Gemeinde davor schützt, mystische Namenspraktiken, Gesetzesrituale oder esoterische Traditionen wieder einzuführen, die die exklusive Bedeutung des Namens Jesu relativieren würden (Hengel, 1976, The Son of God).
Die Forschung zeigt, dass die frühe Kirche bewusst keine alternativen Gottesnamen verwendete, sondern den Namen Jesu als einzige Offenbarungsform Gottes verstand – im Gegensatz zu kabbalistischen oder mystischen Traditionen, die mehrere Namen als spirituell wirksam betrachten.
In diesem Sinne ist die christliche Botschaft klar: Über dem Namen Jesu steht kein anderer Name, weder im Himmel noch auf Erden, und keine mystische Tradition besitzt die Autorität, diesen Rang zu relativieren.
| Ein theophorer Heilsname ist ein Personenname, der einen göttlichen Namen oder Titel enthält und zugleich eine heilbringende, rettende Bedeutung trägt (z. B. „Gott rettet“, „Gott ist Heil“). |
Forschungsbefunde aus frühchristlicher Liturgie und christlicher Anrufung (Hymnen, Gebete, Doxologien) zeigen, dass der Name Jesu in vielen Gemeinden funktional wie ein göttlicher Name wirkte: er wurde angerufen, angebetet und mit heilender Macht verbunden.
Der Ausdruck Shem ha meforash bezeichnet in der jüdischen Mystik den „ausgesprochenen / besonderen Namen“ Gottes, der in verschiedenen Traditionen mit längeren, oft 72 buchstabigen Formeln oder mit Engel Namen verbunden wird. Kabbalisten wie Josef ben Abraham Gikatilla und Texte wie der Sefer Yetzirah und der Zohar entwickelten Methoden, diese Namen durch Buchstaben Permutation, Gematrie und meditative Visualisierung zu „benutzen“, jedoch meist nur in innerlich gereinigten, esoterischen Praktiken.
